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Nach dem Carnaval, Quilombo Rio do Macacos.

1 March 2012 5:29 AM

Der Polizeistreik endete am Samstag vor Carnaval. So ein Glück, blieben so doch noch wenigstens drei Tage, um das größte Volksfest der Welt vorzubereiten. Zeit genug, die 180 offiziellen Toten zu vergessen, Kostüme vorzubereiten, im Sonderangebot (oder am Schwarzmarkt) noch ein paar günstige Tickets für geschützte Bereiche zu erstehen…
Der Carnaval 2012 selbst war schwach gewesen, musste an die 30% Stornos im Tourismus verzeichnen, war durch Verkaufsverbote und drastische Strafen für das ambulante Händlervolk von Salvador, große Polemiken um die undurchsichtige Finanzierung der Stadtregierung und die karnevalesken Steuerprivilegien der Superreichen geprägt.
Während auf den uringetränkten Strassen der Hauptstadt trotzdem “Alegria, Paz & Alegria” (Freude, Friede & Freude) gefeiert wurde, spannte sich nur wenige Kilometer entfernt, die Lage drastisch an.

In Rio do Macacos, unweit von Simões Filhos und Salvador/Bahia, versucht die Marine Ende Februar 2012, einen geschützen Quilombo zu räumen.

Quilombo Rio do Macacos – eine Enklave aus einer anderen Zeit. Ein Stückchen Freiheit.
Quilombos – das sind freie bzw. befreite Territorien in Brasilien. Der Name ist wahrscheinlich auf die angolanische Bezeichnung für Dorf zurückzuführen, der bekannteste Quilombo, auch Brasiliens erste demokratische Republik genannt, war Quilombo dos Palmares, im Bundesstaat Alagoas, wo bereits im Jahr 1670 an die 50.000 Menschen lebten.

Quilombos sind Orte des Widerstands gegen die Casa Grande & Senzala / Herrenhaus- und Sklavenhütte (Gilberto Freyre) Gesellschaft, abgeschiedene, uneinsichtige Orte, wo sich in den letzten 400 Jahren autarke Gesellschaften entwickelt haben. Gelebte Afro-Brasilianische Gegen-Geschichtsschreibung.

Gewalt am Quilombo Rio do Macacos

Die Vorgehensweise kommt mir bekannt vor: Psychoterror gegen die ansässige Bevölkerung, Kaputzenmänner umstellen und attackieren die Siedlung, der Anbau von Nahrungsmitteln wird verboten, Häuser niedergerissen, die Dorfmühle komplett zerstört. Seit den 1970er Jahren ist die Marine vor Ort, und kontrolliert auf menschenrechtsverachtende Weise den Zugang zur Gemeinde. Wasser und Strom wurden in den letzten Tagen abgedreht, um die Quilombolas zum Auszug zu zwingen.
Denn die Marine beginnt, Zeitdruck zu haben. Weitere Offiziersquartiere, konkret: Villen- Siedlungen, sind für die sofortige Umsetzung geplant.

Ein weiterer Beitrag zum Thema IMMOBILENSPEKULATION – MILITÄRTERROR – WM 2014???

http://blogbahianarede.wordpress.com/

Verschwörungstheorie von Globo bestätigt!

9 February 2012 1:53 AM

Jetzt ist es draußen: Prisco hat gemeinsam mit anderen Militär Polizei und Feuerwehr GewerkschaftsführerInnen aus verschiedenen Bundesstaaten den Aufstand probiert. Die totale Destabilisation des Staates war angesagt! Vandalismus und Terror durch die PM’s selbst organisiert.
Globo hat Tonbandprotokolle der Justiz in die Finger bekommen und publiziert.

http://g1.globo.com/bahia/noticia/2012/02/gravacao-revela-que-pms-grevistas-da-ba-planejaram-vandalismo.html

#desocupaPrisco

1:49 AM

pombo

#desocupaPrisco ist der gerade der trendigste hashTag von Salvador. Im Sekundentakt tweetet es Schreie der Empörung, ein klares Nein zu Gewalt und Machtmissbrauch durch Miltär Polizei und ihren Führer Marcos Prisco. Ja, was für ein Führer! Ein 2001 in Unehren von der MP entlassener Soldat, Partei-Jumper – von Links bis ganz rechts, mit dem Ziel, endlich mal Abgeordneter in Salvador zu werden, professioneller Streikanführer, der sich beim Streik in Rodonia als Abgeordneter ausgegeben hatte.
Er beisst um sich, stellt als einzige Forderung die Generalamnestie für alle Streikenden: Straffreiheit für neun Tage Terror, an die 140 Morde, unzählige Verletzte, Raubüberfälle, Plünderungen, Diebstähle. Neun Tage menschenverachtender Kriegsführung, Todesschwadronen gegen die Armen, neun Tage Verlust für alle Geschäftsleute, neun Tage Gewaltrazzien in den Vierteln der Peripherie.
Noch neun Tage bis zum Karnaval.
Heute haben die großen Karnevalsorganisationen, die Verbände der Blocos & Trios Electricos – von den Ivete Sangalos über die Afro-Blocos bis zu den Alternativen – beschlossen, Karneval wie üblich zu machen… Ganz egal, wie’s um die Sicherheit steht.
DESOCUPA – die Bewegung der Zivilgesellschaft, die das Impeachment des Bürgermeisters João Enrique verlangt – hat sich in diesen neun Tagen im facebook in ideologie-lastigen Diskussionen und patriotischen Karnevalsdiskursen verloren. Hasstiraden gegen den PT und kleinbürgerliches Besserwissertum, Hick hack gegen alle, die sich mit Aufrufen zur Aktion engagieren… Die aktuell größte Empörung:
DESOCUPA PELA PAZ wurde heute ins Leben gerufen – eine Demo für die sofortige Wiederaufnahme der Arbeit der Militär Polizei, ein Ende der Gewalt und die Wiederaufnahme der Verhandlungen. Ein Angebot, das skandalöserweise von einem Sprecher des Gouverneurs Wagner kam.
Heute am späten Nachmittag begannen sich die Menschen vor dem Parlament zu versammeln, um das Ende des Streiks zu fordern.
Die Regierung hat den Streikenden in den seit 24 Studen laufenden Verhandlungen bereits 6,5% Gehaltserhöhung und die gewünschten Sondervergünstigungen angeboten.
Die Regierungstruppen haben das Parlament umstellt und sind bereit, es mit Gewalt ein zu nehmen.
Immer wieder verlassen einzelne Sreikende das Parlamentsgebäude, wo Wasser, Strom abgedreht wurden und auch keine Lebensmittel mehr nachgeliefert werden. Eigentlich ist es ruhig, es kam zu keinen Eskalationen. Ein Pae de Santo wollte ein Taube freilassen, für den Frieden. Sie wollte nicht fliegen, sondern setzte sich zu den Füßen eines Soldaten.
Beim zentralen Busbahnhof schoß jemand aus einem Hochhaus in die Menge.
Die Schwester unserer Freundin und Tänzerin Norma wurde auf der Straße, mitten im Universitätsviertel Ondina, von einer Kugel am Bein getroffen.
Wieder beklagt ein Facebookfreund den Tod eines Neffen…
An Schulen und Universitäten wurde der Unterricht abgesagt. Der gesamte Comercio, das alte Einkaufsviertel beim Hafen ist aus mangelnder Sicherheit geschlossen. Der Pelourinho, das Touristenzentrum, ist schon nachmittags ausgestorben.
Vielleicht ist es heute vorbei. Angeblich.
In Bahia.
Denn in Rio, Brasilia und Espirito Santo hängt die Streikdrohung der PM’ & Bombeiros in der Luft. In wenige Stunden werden wir es wissen.

der neunte Tag

8 February 2012 4:34 PM

Es geht weiter. Überfälle, Tote, Terror. Leergefegte Strassen. Horromeldungen in den Medien. Die Peripherie ist im Ausnahmezustand. Die Stadtverwaltung lahmgelegt.

Die Nacht war relativ ruhig. Wir hören zum Glück weder Geknalle noch Sirenen, in unserer Favela wir sind wir etwas abseits vom Schuß…
Unter unseren Nachbarn gibt es auch einige böse Jungs, einige, die wirklich im Geschäft sind. Und Andere, die schon mit 13, 14 Jahren mit brutalen Gesichtausdrücken, lautem Geschrei und einem Messer in der Bermuda zeigen wollen, wie gefährlich sie sind. Kindersoldaten. Avião – Flieger. Sie transportieren kleine Mengen Drogen für ein Taschengeld. Das System ist gut organisiert.
Wir kennen sie schon lange, sind wie ihre Tanten. Sie kommen zu uns nach Hause, essen eine süße Banane, fragen uns über diese andere Welt, die sie nicht kennen, aus. Einen von ihnen, einen kleinen Leader, nahmen wir auf Célia Mara’s Show beim Festival de Verão, dem 2.größten Pop-Rock Festival Brasiliens mit. Er durfte mit uns auf die Bühne, konnte im Backstage bleiben, sich alle Konzerte ansehen. Die Stars aus der Nähe kennenlernen. Die Hand von einem Abgeordneten drücken…
Er ist ganz stolz, seitdem. Grinst über beide Ohren, sobald er uns sieht. Keine Drohgebärden mehr. Er sit wieder Kind. Und für seinen größeren Kollegen ergab sich zum Glück auf unsere Anfrage hin eine Lehrlingsstelle im Landwirtschaftsministerium. Auf einmal gibt es wieder Zukunft.
Unsere Jungs sind die ersten Opfer dieser Aufstände. Sie werden niedergeknallt, sobald sie auf die Straße gehen. Sie sind schwarz, arm, laufen in Bermudas mit nackten Oberkörpern herum. Sie werden von den Todesschwadronen exekutiert, Futter, um noch mehr Angst in der Stadt zu schüren.
Hier bei uns, in der Favela bleiben alle zu Hause. Wir überlegen, ob wir den Zugang zu unserem Viertel einfach verbarrikadieren sollten.
Gestern hat Gouverneur Wagner den Zusammenhang zwischen den sich auf andere Bundesstaaten ausweitenden Militär Polizei Streiks und einem ausstehenden Gesetzesbeschluss in Brasilia zur Diskussion gestellt. PEC 300 – da geht es bundesweit um die Gehaltsforderungen der gesamten Militär Polizei und der Feuerwehrleute – und um Gehälter von 3.500.- bis 7.000.- Reais. Nur zum Vergleich:
In Brasilien liegt das gesetzlich festgelegte Mindestgehalt bei 622.- Reais, LehrerInnen im Landesinneren kommen auf maximal 1.244.- Reais, ein junger Arzt verdient an die 2.500.- Reais.
Vor diesem Hintergrund sind seit 2011 die Streiks in verschiedenen Staaten zu sehen – Chaos in den Städten, ständige Gewaltandrohung. Streiks, die fast bis zum Kollaps gehen. Im Durchschnitt daueren die Gewaltauschreitungen 10 Tage.
Salvador ist als ein erster Höhepunkt des Kräftemessens zu werten. Heute wollen sich weitere Polizei Gewerkschaften anschliessen, aber die ersten Streikführer wurden bereits verhaftet.
Nach dem Scheitern der gestrigen Verhandlungen zwischen Regierung und Streikenden ist zu erwarten, dass die Armee heute das besetzte Parlament befreien wird. Die Streikenden unter Führung des Ex-Soldaten Marcos Prisco drohen eine weitere Eskalation und Kampf an. Angeblich sind keine Kinder mehr im besetzten Gebäude.
Die angebotenen Gehalts- und Bonuserhöhungen sind ihnen zu wenig. 6,5% höhere Löhne und Ausgleichzulagen, die der Stadt nicht budgetiert hat. Die Forderungen der Streikenden konzentrieren sich jetzt größtenteils auf Amnestieforderungen – doch das wird – richtigerweise -abgelehnt.
Das Verwaltungszentrum der Stadt – CAB – ist nicht mehr erreichbar. Soeben haben wir mit einer Freundin telefoniert, die drinnen sitzt. Eine leitende Angestellte in der Provinzverwaltung. Angst. Die Lage spitzt sich ständig zu. Sie versucht, mit anderen KollegInnen das Gebäude zu verlassen, weiss aber noch nicht, wie und wann sie dort raus kommt!
Die Stadt ist einen Mantel des Schweigens – und des Terrors gehüllt. Selbst die Touristenzentren sind ausgestorben – Fotos von einem leeren Pelourinho lassen uns die Gänsehaut kommen…
Der Streik in Bahia ist einer der Höhepunkte des Kräftemessens zwischen der reaktionären Kärften und der linken Bundesregierung. Der Zeitpunkt – mit der drohenden Ausweitung in dieser pre-Karnevalesken Woche – auf Rio de Janeiro und die Hauptstadt Brasilia sind als stärkstes Druckmittel schlechthin zu verstehen. Geht es in Rio doch um eine 10. Millionen Metropole, wo zwei Drittel der Bevölkerung in sogenannten Armenvierteln leben – dh:sechs Millionen Menschen leben in täglicher Konfrontation mit Gewalt, Drogenhandel und Polizeiterror. Ich errinnere an den Film: City of God…
Desinformation beherrscht die Medien – niemand hat den Überblick…
Wir hoffen, dass Präsidentin Dilma mit eiserner Hand die Lage wieder in den Griff bekommen wird. Sie hat ihre besten Leute nach Bahia geschickt. Internationale Solidarität ist gefragt.

Gerade lese ich die Meldung, dass 500 Militär Polizisten die Hauptverbindungsstrasse zwischen dem Zentrum vom Salvador und dem Flughafen besetzen wollen. Die Lage spitzt sich weiter zu.

Tot. Einfach so.

1:52 AM

marcelo_n

Marcelo wurde gerade eben ermordert. Beim Campo Santo, dort wo wir unsere ersten Jahre in Salvador meistens gewohnt hatten. Marcelo, der Tänzer von der Fundação. Ein Schüler von Frank, unserem Freund und Mitbewohner.
Der Krieg ist bereits im Nachbarviertel. Wir sitzen in unseren kleinen Favela, angeschmiegt an die Küste, wie verloren inmitten der Hochhäuser der Reichen. Und fürchten uns.
Heute wurden bereits 135 Tote – manuell – gezählt. (was immer das auch heissen mag). Das Parlament ist von den Militärs umzingelt, das Gericht hat unter Strafandrohung Montag Mitternacht die Herausgabe der Kinder verfügt, die als Geiseln der streikenden Eltern gehalten werden.?!__?
Die Militärs wollen keine Gewalt – es kommt zu Tränengas und Gummigeschoss-Scharmützeln – trotzdem. Die Streikenden provozieren, das Militär bleibt ruhig. In Peri Peri wird gemetzelt. Die Geschäfte, die trotz der gestrigen Warnung aufgemacht hatten, werden geplündert… und mehr!
Die Situation eskaliert stündlich.
Um 16.00 wird Marcelo im Zentrum ermordet. Wir wissen nicht, von wem & wie. Es war am Tag.
Und jetzt hören wir, dass sie in Bocca do Rio einfach in die Menge geschossen haben. Sie löschen die Bevölkerung aus. Keine Armen. Keine Schwarzen. Die Oligarchie will wieder an die Macht. Das Projekt PT; das die Armut in den letzten Jahren fast abgeschafft hat, ist zu erfolgreich. Zu viele neue Intellektuelle, zu viele neue Erfolgreiche. Zu viel neue Mittelschicht, die mitreden will.
Angst machen. Militär oder Polizei. Sonst bricht der Staat zusammen.
Die WM kommt bald – da gibt es viel zu verteilen, in Salvador.
Die Streiks sollen ab morgen und übermorgen auch auf die Staaten Brasilia, Rio de Janeiro, Espirito Santo ausgeweitet werden.

Hier ein paar Impressionen:

http://news.linktv.org/videos/brazilian-soldiers-police-clash-in-salvador

Hier noch ein paar Gedanken, die ich nicht fertig formuliert habe… verbreitet die Notiz, wir brauchen internationalen Wirtschaftsdruck auf Brasilien – die absolute Unterstützung der Regierung Dilma Roussef, das sofortige Einfrieren der WM – Gelder ecc… Brasilien kann fallen – und das müssen wir verhindern!!!

Ein kleiner Rückblick – Rio de Janeiro – “Favelas Pacificadas”:
Mit dem Programm “befriedete Favelas” werden jene Viertel der unteren Mittelschicht, mit Blick auf Copa Cabana & Co. in wenigen Tagen von Drogendealern & Banditen befreit! Schwupp, weg sind sie. Danach installieren sich PM & Bombeiros im Viertel und übernhemen die Kontrolle – als Friedenstruppen. Sie patrouillieren im Stndentakt, die Straße gehört ihnen. Sie monopolisieren mit Gewalt den Gashandel… Keine fremden Banditen mehr im Revier. Terror mit staatlicher Sanktion. Rio’s Zona Sul gleicht einer mitteleuropäischen Hauptstadt, ruhig, keine Bettler, Straßenverkäufer oder Obdachlose zu sehen. Auch keine Schwarzen. Nur das Meer & die berühmten Strände lassen uns wissen, wo wir sind. Und langsam werden auch die “befriedeten Viertel” Armen-, Schwarzen- und Mittelschichtfrei.

- Sie werden von PM’s & Bombeiros geschützt. Die Drogendealer & Co müssen an die nördliche Peripherie der Stadt ausweichen. Dort gibt es weder Touristen, noch Meerblick.

Wenn Gewalt (k)ein Gesicht hat

7 February 2012 5:04 PM

Ich war wohl zu optimistisch. Als die ersten Regierungstruppen am Samstag 4.2. in Salvador einlangten, dachte ich, dass sich die Streikenden PM’s zurück ziehen würden. Dass es der Regierung ein Leichtes sein würde, mit Drohgebärden den aufständischen Polizisten Respekt ein zu jagen.
Immerhin ist Brasilien die 6. wichtigste Volkswirtschaft der Welt, und die Präsidentin, Dilma Roussef, eine entschlossene Frau, bereit, die Demokratie mit allen Mitteln zu verteidigen.

Doch der Sonntag brachte keine Verbesserung der Lage. Die zu Hilfe gerufenen Regierungssoldaten patrouillieren an den Stränden, in den besseren Vierteln der Stadt, wo ein paar Touristen und Unerschrockene Alltag spielen. Sonst ist es absolut “ruhig”. Niemand weiss, wer wo kommandiert. Seit beginn des Streiks wurden 235 Autos gestohlen. Offiziell sind es am Sonntag bereits 85 Tote.
In der Nacht fordert Parlamentspräsident Nilo die Räumung des durch die streikenden besetzten Regierungsgebäudes. Die Militärs umzingeln das Verwaltungszentrum der Stadt, die Presse wird weggeschickt. In der Nacht kommt es zu kleineren Auseinandersetzungen, Kinder verlassen das besetzte Gebäude.
In den Vierteln der Peripherie kocht es. Schwer bewaffnete Männer überfallen Bars, kleine Geschäfte; Supermärkte und Elektrogeschäfte werden geplündert. Eine besondere Streife räumt mit den Leuten an den Autobusstationen auf – “Handy, Geld her… das ist ein Überfall” schon rollt der Wagen mit den bewaffneten Männern weiter, zur nächsten Haltestelle.
Nur wer muss, geht auf die Straße. Obwohl es dort, wo Plantagenbesitzer und Axé-Stars ihre Luxusappartments haben, wesentlich entspannter zugeht. Die Geschäfte sind offen, Militärs stehen vor den Gebäuden, ein paar Jogger sind unterwegs. Im Delikatessenmarkt läuft eine Frau hysterisch telefonierend auf und ab. Verzweifelt versucht sie, ihr Handy während des Gesprächs zu verstecken… bis ihr jemand sagt: ” alles gut, hier werden sie nicht überfallen, wir sind in Graça”

Mit Einbruch der Dunkelheit flüchten die Menschen von den Straßen. Alle sperren sich ein. Ab 18.00 fahren keine Busse mehr. Die Verkehrspolizei stellt ihre Streifenfahrten ein.
In der Nacht auf Montag kommt es zu Greueltaten. Während wir uns im Twitter und Facebook treffen, heiß über Legitimät oder Illegitimität des Streiks diskutieren, ziehen Todesschwadronen durch die Stadt, erschiessen wehrlose Obdachlose, Leute werden – wahllos – niedergemetztelt. In Engomadeira / Cabula, einem Viertel der schwarzen Mittelschicht, überfallen 4 Bewaffnete eine Bar, fordern alle 5 anwesenden Männer auf, sich an die Wand zu stellen – und erschiessen sie.

Exekution. Das ist Krieg. 10 Tage vor Karnvalsbeginn.
Die Bevölkerung hat genug von dem Terrorzustand im Bundesland. In Süd Bahia wird die MP bei ihren Sympathie-Anwerbeversuchen nicht mehr freundlich empfangen, selbst die Kokosnussverkäufer beschimpfen sie. Niemand hat Verständnis für eine Klasse, deren Gehälter seit 2006 verdoppelt wurden – ein einfacher Militär Polizist verdient 2.500.- Reais; genauso viel wie ein Arzt am Gesundheitsposten, doppelt so viel wie eine LehrerIn… Abgesehen von den sonstigen Vergünstigungen wie 14. Gehalt, die sie im Laufe der Jahre erworben haben.
Der Zeitpunkt des Streiks lässt die Wirtschaft von Salvador zusammenbrechen. Der Tourismus – eine der wichtigsten Branchen – verzeichnet brisante Rückgänge: Nächtigungsstornierungen, ganze Kreuzfahrten werden abgesagt… Das größte Straßenfest der Welt droht zum Megaflopp zu werden!
Aber nicht nur die Hotelbetreiber klagen, die gesamte Kultur liegt brach – die meisten Konzerte sind abgesagt, die Pre-Karnevals Veranstaltungen finden nicht statt. No fun in Salvador!
All die prekären StraßenverkäuferInnen sind in ihrer Existenz bedroht – der Sommer, Karneval, das ist die Zeit des Jahres, wo sie Geld für die nächsten Monate verdienen. Nicht nur, dass der Bürgermeister João Enrique ihnen bereits vor 2 Wochen mit einem Verkaufsverbot gedroht hatte, jetzt ist es durch den Terror in der Stadt so weit: keine StraßenhändlerInnen weit und breit auf Salvadors Straßen!
Auch der Montag bringt keine Besserung der Lage – “ein falscher Sonntag” geistert es durch den Twitter, die Stadt ist extrem ruhig.Die Zahl der Toten ist auf über 100 gestiegen, die Streikenden weigern sich, das Parlament zu räumen und drohen, dass der Streik sich nach Rio de Janeiro ausweiten wird. Andere regionale Polizeigewerkschaften solidarisieren sich mit den Streikenden und geben der Regierung präventiv alle Schuld an einer eventuellen Gewaltlösung. Während die Regierung Dilma Roussef und Parteikollege Gouverneur Wagner versuchen, den Konflikt ohne Gewalt zu beenden, macht die Militärpolizei weiteren Druck. Sie reagieren auf keinen Einschüchterunngsversuch, suchen die Eskalation.
Am Montag abend werden die Geschäftsleute des Viertels PeriPeri schriftlich bedroht, ihre Geschäfte am Dienstag nicht mehr auf zu machen.
Der Terror der PM’s wird von der normalen Bevölkerung nicht mehr akzeptiert. Zögernd, aber immer bestimmter kommt ein Nein zum Terror. Ein Terror, den die Schwarzen, aber auch die anderen BewohnerInnen der Armenviertel und an der Peripherie, die Obdachlosen schon lange kennen. Ein Terror, der institutionalisert ist – keine Polizeihilfe, wenn sie gebraucht und von der normalen Bevölkerung gerufen wird, sond willkürliche Blitzes gegen junge schwarze Männer – meist mit Toten und Verletzen verbunden! Dabei geht es angeblich meistens um Drogenhandel.
Nur zur Erinnerung: die PM war das “Ordnungsinstrument” des Antonio Carlos Magalhães, der Bahia mit brutalster Hand an die 40 Jahre regiert hatte.
Während im facebook und Twitter immer mehr Menschen ein sofortiges Ende des Streiks fordern, die Zeitungen von São Paolo bereits über den fehlenden Rückhalt in der Bevölkerung berichten, sind die Intellektuellen der Mittelschicht noch immer am diskutieren, ob es nicht einfach legitimes Streikrecht und die Polizisten zu unterstützen seien. Aber Ausflug in die Peripherie wollen sie keinen machen… und sicher keine Demo!

Im Nachtquartier

24 August 2011 12:11 PM

…habe ich gestern mit Dorothée Frank über Bahia, Casa Matria, Candomblé, Crack Dealer und vor allem viel gute Musik geplaudert. Es hat Spass gemacht…
Hier gibt es die Sendung online zum Nachhören bei Ö1 (7 Tage lang).
Versprochen habe ich den HörerInnen ein paar Links und Literaturtipps.

Musik:
Célia Mara - die Künstlerin, die zwischen Brasilien und Österreich die Menschen bewegt.
BMA Webseite des brasilianischen Musik Export Büros
Bahia Music Export - neue Musik aus Bahia
Labels:
Trama – das Label von Elis Regina’s Söhnen: Nu Brazil & junge Artists & eine große Download Area…
Biscoito Fino – neue MPB vom Feinsten…
oder in Belgien: Crammed Discs

Literatur
Zur österreichischen Migration nach Brasilien empfehle ich die Lektüre von Dr.in Ursula Prutsch, hier ein Link zu Brasilien 1889-1985.
Ursula Prutsch lehrt zur Zeit in München. Sie ist wahrscheinlich die Spezialistin zur neueren Geschichte Brasiliens, v.a. im Deutschsprachigen Raum. Mehr Links zu Ursula Prutsch
Mein Lieblingswerk zu Afro-Brasilien ist nach wie vor Andreas Hofbauer: Afro-Brasilien, Promedia Verlag (1995)

hier gibt es einige meiner Artikel zu Brasilien, v.a. natürlich zur Frage der Landenteignungen, fehlenden BürgerInnerechten und Umbanda & Candomblé.

Soziales, Kulturelles
Auf www.globalista.net gibt es einen Überblick über meine Projekte mit/in Brasilien.
Casa Matria ist das Kultur und Sozialzentrum in Salvador, Vila Brandão, das wir gerade mit vielen Schwierigkeiten aufbauen.

vila brandão – bye bye reality check!

16 March 2010 2:20 PM

silviabalkon

Wir sind wieder da… nach drei Monaten favela light mit schönster Aussicht und Meeresrauschen zum Schlafengehen tut es gut, im ruhigen Wien ein ganz normales Leben zu führen… ohne Lebensbedrohung, ohne brüllende Hausbesetzer, mit einfach funktionierenden Strukturen.  Ganz zu schweigen von evangelikalen Bürgermeistern, die fürs Immobilienbusiness und Hotelburgen Stadtpläne umstellen und Enteignungsdekrete im Morgengrauen absegnen lassen…
Die Journalistin Ulla Ebner hat uns in Salavdor besucht und die Lage ein wenig zusammengefasst:
hier ihr Artikel auf ORF Online

Casa Matria – Vila Brandão: good news

24 July 2009 1:07 PM

jajjajjajaaaa, unser kulturhaus in salvador/bahia nimmt formen an!!! have a look at our blog – www.casamatria.net. die ersten sponsoren melden sich bereits!
und wir erarbeiten gerade die kriterien für unser residency program.