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der neunte Tag

8 February 2012 4:34 PM

Es geht weiter. Überfälle, Tote, Terror. Leergefegte Strassen. Horromeldungen in den Medien. Die Peripherie ist im Ausnahmezustand. Die Stadtverwaltung lahmgelegt.

Die Nacht war relativ ruhig. Wir hören zum Glück weder Geknalle noch Sirenen, in unserer Favela wir sind wir etwas abseits vom Schuß…
Unter unseren Nachbarn gibt es auch einige böse Jungs, einige, die wirklich im Geschäft sind. Und Andere, die schon mit 13, 14 Jahren mit brutalen Gesichtausdrücken, lautem Geschrei und einem Messer in der Bermuda zeigen wollen, wie gefährlich sie sind. Kindersoldaten. Avião – Flieger. Sie transportieren kleine Mengen Drogen für ein Taschengeld. Das System ist gut organisiert.
Wir kennen sie schon lange, sind wie ihre Tanten. Sie kommen zu uns nach Hause, essen eine süße Banane, fragen uns über diese andere Welt, die sie nicht kennen, aus. Einen von ihnen, einen kleinen Leader, nahmen wir auf Célia Mara’s Show beim Festival de Verão, dem 2.größten Pop-Rock Festival Brasiliens mit. Er durfte mit uns auf die Bühne, konnte im Backstage bleiben, sich alle Konzerte ansehen. Die Stars aus der Nähe kennenlernen. Die Hand von einem Abgeordneten drücken…
Er ist ganz stolz, seitdem. Grinst über beide Ohren, sobald er uns sieht. Keine Drohgebärden mehr. Er sit wieder Kind. Und für seinen größeren Kollegen ergab sich zum Glück auf unsere Anfrage hin eine Lehrlingsstelle im Landwirtschaftsministerium. Auf einmal gibt es wieder Zukunft.
Unsere Jungs sind die ersten Opfer dieser Aufstände. Sie werden niedergeknallt, sobald sie auf die Straße gehen. Sie sind schwarz, arm, laufen in Bermudas mit nackten Oberkörpern herum. Sie werden von den Todesschwadronen exekutiert, Futter, um noch mehr Angst in der Stadt zu schüren.
Hier bei uns, in der Favela bleiben alle zu Hause. Wir überlegen, ob wir den Zugang zu unserem Viertel einfach verbarrikadieren sollten.
Gestern hat Gouverneur Wagner den Zusammenhang zwischen den sich auf andere Bundesstaaten ausweitenden Militär Polizei Streiks und einem ausstehenden Gesetzesbeschluss in Brasilia zur Diskussion gestellt. PEC 300 – da geht es bundesweit um die Gehaltsforderungen der gesamten Militär Polizei und der Feuerwehrleute – und um Gehälter von 3.500.- bis 7.000.- Reais. Nur zum Vergleich:
In Brasilien liegt das gesetzlich festgelegte Mindestgehalt bei 622.- Reais, LehrerInnen im Landesinneren kommen auf maximal 1.244.- Reais, ein junger Arzt verdient an die 2.500.- Reais.
Vor diesem Hintergrund sind seit 2011 die Streiks in verschiedenen Staaten zu sehen – Chaos in den Städten, ständige Gewaltandrohung. Streiks, die fast bis zum Kollaps gehen. Im Durchschnitt daueren die Gewaltauschreitungen 10 Tage.
Salvador ist als ein erster Höhepunkt des Kräftemessens zu werten. Heute wollen sich weitere Polizei Gewerkschaften anschliessen, aber die ersten Streikführer wurden bereits verhaftet.
Nach dem Scheitern der gestrigen Verhandlungen zwischen Regierung und Streikenden ist zu erwarten, dass die Armee heute das besetzte Parlament befreien wird. Die Streikenden unter Führung des Ex-Soldaten Marcos Prisco drohen eine weitere Eskalation und Kampf an. Angeblich sind keine Kinder mehr im besetzten Gebäude.
Die angebotenen Gehalts- und Bonuserhöhungen sind ihnen zu wenig. 6,5% höhere Löhne und Ausgleichzulagen, die der Stadt nicht budgetiert hat. Die Forderungen der Streikenden konzentrieren sich jetzt größtenteils auf Amnestieforderungen – doch das wird – richtigerweise -abgelehnt.
Das Verwaltungszentrum der Stadt – CAB – ist nicht mehr erreichbar. Soeben haben wir mit einer Freundin telefoniert, die drinnen sitzt. Eine leitende Angestellte in der Provinzverwaltung. Angst. Die Lage spitzt sich ständig zu. Sie versucht, mit anderen KollegInnen das Gebäude zu verlassen, weiss aber noch nicht, wie und wann sie dort raus kommt!
Die Stadt ist einen Mantel des Schweigens – und des Terrors gehüllt. Selbst die Touristenzentren sind ausgestorben – Fotos von einem leeren Pelourinho lassen uns die Gänsehaut kommen…
Der Streik in Bahia ist einer der Höhepunkte des Kräftemessens zwischen der reaktionären Kärften und der linken Bundesregierung. Der Zeitpunkt – mit der drohenden Ausweitung in dieser pre-Karnevalesken Woche – auf Rio de Janeiro und die Hauptstadt Brasilia sind als stärkstes Druckmittel schlechthin zu verstehen. Geht es in Rio doch um eine 10. Millionen Metropole, wo zwei Drittel der Bevölkerung in sogenannten Armenvierteln leben – dh:sechs Millionen Menschen leben in täglicher Konfrontation mit Gewalt, Drogenhandel und Polizeiterror. Ich errinnere an den Film: City of God…
Desinformation beherrscht die Medien – niemand hat den Überblick…
Wir hoffen, dass Präsidentin Dilma mit eiserner Hand die Lage wieder in den Griff bekommen wird. Sie hat ihre besten Leute nach Bahia geschickt. Internationale Solidarität ist gefragt.

Gerade lese ich die Meldung, dass 500 Militär Polizisten die Hauptverbindungsstrasse zwischen dem Zentrum vom Salvador und dem Flughafen besetzen wollen. Die Lage spitzt sich weiter zu.

Tot. Einfach so.

1:52 AM

marcelo_n

Marcelo wurde gerade eben ermordert. Beim Campo Santo, dort wo wir unsere ersten Jahre in Salvador meistens gewohnt hatten. Marcelo, der Tänzer von der Fundação. Ein Schüler von Frank, unserem Freund und Mitbewohner.
Der Krieg ist bereits im Nachbarviertel. Wir sitzen in unseren kleinen Favela, angeschmiegt an die Küste, wie verloren inmitten der Hochhäuser der Reichen. Und fürchten uns.
Heute wurden bereits 135 Tote – manuell – gezählt. (was immer das auch heissen mag). Das Parlament ist von den Militärs umzingelt, das Gericht hat unter Strafandrohung Montag Mitternacht die Herausgabe der Kinder verfügt, die als Geiseln der streikenden Eltern gehalten werden.?!__?
Die Militärs wollen keine Gewalt – es kommt zu Tränengas und Gummigeschoss-Scharmützeln – trotzdem. Die Streikenden provozieren, das Militär bleibt ruhig. In Peri Peri wird gemetzelt. Die Geschäfte, die trotz der gestrigen Warnung aufgemacht hatten, werden geplündert… und mehr!
Die Situation eskaliert stündlich.
Um 16.00 wird Marcelo im Zentrum ermordet. Wir wissen nicht, von wem & wie. Es war am Tag.
Und jetzt hören wir, dass sie in Bocca do Rio einfach in die Menge geschossen haben. Sie löschen die Bevölkerung aus. Keine Armen. Keine Schwarzen. Die Oligarchie will wieder an die Macht. Das Projekt PT; das die Armut in den letzten Jahren fast abgeschafft hat, ist zu erfolgreich. Zu viele neue Intellektuelle, zu viele neue Erfolgreiche. Zu viel neue Mittelschicht, die mitreden will.
Angst machen. Militär oder Polizei. Sonst bricht der Staat zusammen.
Die WM kommt bald – da gibt es viel zu verteilen, in Salvador.
Die Streiks sollen ab morgen und übermorgen auch auf die Staaten Brasilia, Rio de Janeiro, Espirito Santo ausgeweitet werden.

Hier ein paar Impressionen:

http://news.linktv.org/videos/brazilian-soldiers-police-clash-in-salvador

Hier noch ein paar Gedanken, die ich nicht fertig formuliert habe… verbreitet die Notiz, wir brauchen internationalen Wirtschaftsdruck auf Brasilien – die absolute Unterstützung der Regierung Dilma Roussef, das sofortige Einfrieren der WM – Gelder ecc… Brasilien kann fallen – und das müssen wir verhindern!!!

Ein kleiner Rückblick – Rio de Janeiro – “Favelas Pacificadas”:
Mit dem Programm “befriedete Favelas” werden jene Viertel der unteren Mittelschicht, mit Blick auf Copa Cabana & Co. in wenigen Tagen von Drogendealern & Banditen befreit! Schwupp, weg sind sie. Danach installieren sich PM & Bombeiros im Viertel und übernhemen die Kontrolle – als Friedenstruppen. Sie patrouillieren im Stndentakt, die Straße gehört ihnen. Sie monopolisieren mit Gewalt den Gashandel… Keine fremden Banditen mehr im Revier. Terror mit staatlicher Sanktion. Rio’s Zona Sul gleicht einer mitteleuropäischen Hauptstadt, ruhig, keine Bettler, Straßenverkäufer oder Obdachlose zu sehen. Auch keine Schwarzen. Nur das Meer & die berühmten Strände lassen uns wissen, wo wir sind. Und langsam werden auch die “befriedeten Viertel” Armen-, Schwarzen- und Mittelschichtfrei.

- Sie werden von PM’s & Bombeiros geschützt. Die Drogendealer & Co müssen an die nördliche Peripherie der Stadt ausweichen. Dort gibt es weder Touristen, noch Meerblick.