silvias.net

Brasilien – Österreich – Afrika…

6 July 2012 1:29 PM

Kulturvernetzung … das macht Spass.
Die Königinnen vom Salgueiro haben relative Bürgerrechte – Bei einem Afrikanischen Festival unseren Film über einen Afro-Schönheitssalon in Rio de Janeiro zu zeigen, ist eine spannende Herasuforderung. Und ich freu mich drauf, ebenso wie auf die zu erwartenden Diskussionen über Rassismus, Sexismus — und wie wir die aktuelle Politik Brasiliens in Fragen der Enteignungen, Immobilienspekulation im Zuge der WM 2014 verändern können.
doku
Der 2002 entstandene Film, der damals auch Grundlage bzw. Teil für meine Diplomarbeit über Rassismus im Brasilien des Branqueamentos war, ist nach wie vor brennend aktuell. Meine Erfahrungen in der Vila Brandão in Salvador, wo wir ständig durch die brutale Enteignungspolitik von Seiten der Stadt bedroht sind, lassen mich noch engagierter in dieser Angelegenheit werden – Bürgerrechte für alle!
Genug von diesen Staatsgebilden, die nur dem Kapital dienen! Salvador ist nach wie vor in seiner Sklaventradition verfangen – Casa Grande e Senzala – das bedeutet totale Willkür der oberen Klassen gegen die Bevölkerung. Weder Justiz, noch Polizei, noch staatliche Dienstelistungen stehen der normalen Bevölkerung zur Verfügung – der Immobilienwahn mit Blick auf die WM und die Olympiaden nimmt ständig brutalere Formen an – und wo legales Enteignen nicht mehr möglich ist, wird die Bevölkerung kriminalisiert und Drogenhandel, Gewalt bekommen freien Lauf!
… Ich bin wieder abgeschwenkt… hier kommt die Info zu unserem Film, mitd em wir auch damals schon heisse Diskussionen ausgelöst haben! Ich hoffe, wir sehne uns in Kasumama – bei tropischen Temperaturen!

Die Königinnen vom Salgueiro
haben relative Bürgerrechte

Eine Dokumentation von Silvia Jura (A/BR 2002 – 45 Min. / Video)

SAMSTAG 7.7.2012 // 17:00 @ KASUMAMA AFRIKA FESTIVAL

RAINHAS DO SALGUEIRO – CIDADANIA RELATIVA /trailer1 from siju – silvia globalista on Vimeo.

best video production at XVIII. black international cinema 2003
| berlin – düsseldorf – ljubjana || in coop with USA & Brazil

>Die vielbeachtete Dokumentation über das Leben in den “Favelas”, den Elendsvierteln von Rio de Janeiro. Ein Film, der nicht nur Armut und Not zeigt, sondern vor allem die Lebenskraft, Kreativität und das Selbstbewusstsein der Frauen in den Favelas. (treffpunkt kultur – ORF 2) <

>Die Kultur ist alles… sagst du Kultur, sagst du Aussehen, Erziehung, Selbstbewusstsein, Gesundheit, ja die Kultur ist alles!< (Dona Ivete)
Wenn Macumba nicht schwarze Magie, sondern soziale Arbeit ist, wenn Favela für Gemeinschaft im Kampf um eine bessere Welt steht, wenn der Karneval der Vermittlung afro-brasilianischer Traditionen dient… dann hat Dona Ivete das Wort.
Im Zentrum des Dokumentarfilms ” Die Königinnen vom Salgueiro haben relative Bürgerrechte” steht das von Dona Ivete geleitete Ausbildungsprojekt Nika Jaina – ein Afro-Friseurinnenkurs für marginalisierte Mädchen in einem Elendsviertel (Favela) von Rio de Janeiro.
In intimen Interviews entführt uns Dona Ivete in ihre Welt; mit Hilfe der Göttinnen und Geister und auf ihren Verstand zählend kämpft sie, wie viele andere BewohnerInnen ihres Viertels auch, für eine bessere Zukunft am Morro do Salgueiro.
Ihr filmischer Dialogpartner Januario Garcia, ein Intellektueller der schwarzen Bewegung, stellt die gesamtgesellschaftlichen Bezüge her: von der Abschaffung der Sklaverei bis in das moderne Brasilien zieht sich der Faden von Ausschliessung und Nichtanerkennung der elementarsten Bürgerrechte für die schwarze Bevölkerung Brasiliens.
Es entsteht somit ein vielschichtiger, emotional und intellektuell erlebbarer Einblick in die Hoffnungen, Wünsche und den gelebten Alltag der schwarzen Bevölkerung Brasiliens. Der Rhythmus des Films führt uns behutsam in diese fremde Welt ein… und entlässt uns mit einem guten Gefühl: Hoffnung
Die Reise in die für uns exotische Welt wird durch den kulturverbindenden und mitreissenden Soundtrack von Célia Mara unterstützt.

#desocupaPrisco

9 February 2012 1:49 AM

pombo

#desocupaPrisco ist der gerade der trendigste hashTag von Salvador. Im Sekundentakt tweetet es Schreie der Empörung, ein klares Nein zu Gewalt und Machtmissbrauch durch Miltär Polizei und ihren Führer Marcos Prisco. Ja, was für ein Führer! Ein 2001 in Unehren von der MP entlassener Soldat, Partei-Jumper – von Links bis ganz rechts, mit dem Ziel, endlich mal Abgeordneter in Salvador zu werden, professioneller Streikanführer, der sich beim Streik in Rodonia als Abgeordneter ausgegeben hatte.
Er beisst um sich, stellt als einzige Forderung die Generalamnestie für alle Streikenden: Straffreiheit für neun Tage Terror, an die 140 Morde, unzählige Verletzte, Raubüberfälle, Plünderungen, Diebstähle. Neun Tage menschenverachtender Kriegsführung, Todesschwadronen gegen die Armen, neun Tage Verlust für alle Geschäftsleute, neun Tage Gewaltrazzien in den Vierteln der Peripherie.
Noch neun Tage bis zum Karnaval.
Heute haben die großen Karnevalsorganisationen, die Verbände der Blocos & Trios Electricos – von den Ivete Sangalos über die Afro-Blocos bis zu den Alternativen – beschlossen, Karneval wie üblich zu machen… Ganz egal, wie’s um die Sicherheit steht.
DESOCUPA – die Bewegung der Zivilgesellschaft, die das Impeachment des Bürgermeisters João Enrique verlangt – hat sich in diesen neun Tagen im facebook in ideologie-lastigen Diskussionen und patriotischen Karnevalsdiskursen verloren. Hasstiraden gegen den PT und kleinbürgerliches Besserwissertum, Hick hack gegen alle, die sich mit Aufrufen zur Aktion engagieren… Die aktuell größte Empörung:
DESOCUPA PELA PAZ wurde heute ins Leben gerufen – eine Demo für die sofortige Wiederaufnahme der Arbeit der Militär Polizei, ein Ende der Gewalt und die Wiederaufnahme der Verhandlungen. Ein Angebot, das skandalöserweise von einem Sprecher des Gouverneurs Wagner kam.
Heute am späten Nachmittag begannen sich die Menschen vor dem Parlament zu versammeln, um das Ende des Streiks zu fordern.
Die Regierung hat den Streikenden in den seit 24 Studen laufenden Verhandlungen bereits 6,5% Gehaltserhöhung und die gewünschten Sondervergünstigungen angeboten.
Die Regierungstruppen haben das Parlament umstellt und sind bereit, es mit Gewalt ein zu nehmen.
Immer wieder verlassen einzelne Sreikende das Parlamentsgebäude, wo Wasser, Strom abgedreht wurden und auch keine Lebensmittel mehr nachgeliefert werden. Eigentlich ist es ruhig, es kam zu keinen Eskalationen. Ein Pae de Santo wollte ein Taube freilassen, für den Frieden. Sie wollte nicht fliegen, sondern setzte sich zu den Füßen eines Soldaten.
Beim zentralen Busbahnhof schoß jemand aus einem Hochhaus in die Menge.
Die Schwester unserer Freundin und Tänzerin Norma wurde auf der Straße, mitten im Universitätsviertel Ondina, von einer Kugel am Bein getroffen.
Wieder beklagt ein Facebookfreund den Tod eines Neffen…
An Schulen und Universitäten wurde der Unterricht abgesagt. Der gesamte Comercio, das alte Einkaufsviertel beim Hafen ist aus mangelnder Sicherheit geschlossen. Der Pelourinho, das Touristenzentrum, ist schon nachmittags ausgestorben.
Vielleicht ist es heute vorbei. Angeblich.
In Bahia.
Denn in Rio, Brasilia und Espirito Santo hängt die Streikdrohung der PM’ & Bombeiros in der Luft. In wenige Stunden werden wir es wissen.

Wenn Gewalt (k)ein Gesicht hat

7 February 2012 5:04 PM

Ich war wohl zu optimistisch. Als die ersten Regierungstruppen am Samstag 4.2. in Salvador einlangten, dachte ich, dass sich die Streikenden PM’s zurück ziehen würden. Dass es der Regierung ein Leichtes sein würde, mit Drohgebärden den aufständischen Polizisten Respekt ein zu jagen.
Immerhin ist Brasilien die 6. wichtigste Volkswirtschaft der Welt, und die Präsidentin, Dilma Roussef, eine entschlossene Frau, bereit, die Demokratie mit allen Mitteln zu verteidigen.

Doch der Sonntag brachte keine Verbesserung der Lage. Die zu Hilfe gerufenen Regierungssoldaten patrouillieren an den Stränden, in den besseren Vierteln der Stadt, wo ein paar Touristen und Unerschrockene Alltag spielen. Sonst ist es absolut “ruhig”. Niemand weiss, wer wo kommandiert. Seit beginn des Streiks wurden 235 Autos gestohlen. Offiziell sind es am Sonntag bereits 85 Tote.
In der Nacht fordert Parlamentspräsident Nilo die Räumung des durch die streikenden besetzten Regierungsgebäudes. Die Militärs umzingeln das Verwaltungszentrum der Stadt, die Presse wird weggeschickt. In der Nacht kommt es zu kleineren Auseinandersetzungen, Kinder verlassen das besetzte Gebäude.
In den Vierteln der Peripherie kocht es. Schwer bewaffnete Männer überfallen Bars, kleine Geschäfte; Supermärkte und Elektrogeschäfte werden geplündert. Eine besondere Streife räumt mit den Leuten an den Autobusstationen auf – “Handy, Geld her… das ist ein Überfall” schon rollt der Wagen mit den bewaffneten Männern weiter, zur nächsten Haltestelle.
Nur wer muss, geht auf die Straße. Obwohl es dort, wo Plantagenbesitzer und Axé-Stars ihre Luxusappartments haben, wesentlich entspannter zugeht. Die Geschäfte sind offen, Militärs stehen vor den Gebäuden, ein paar Jogger sind unterwegs. Im Delikatessenmarkt läuft eine Frau hysterisch telefonierend auf und ab. Verzweifelt versucht sie, ihr Handy während des Gesprächs zu verstecken… bis ihr jemand sagt: ” alles gut, hier werden sie nicht überfallen, wir sind in Graça”

Mit Einbruch der Dunkelheit flüchten die Menschen von den Straßen. Alle sperren sich ein. Ab 18.00 fahren keine Busse mehr. Die Verkehrspolizei stellt ihre Streifenfahrten ein.
In der Nacht auf Montag kommt es zu Greueltaten. Während wir uns im Twitter und Facebook treffen, heiß über Legitimät oder Illegitimität des Streiks diskutieren, ziehen Todesschwadronen durch die Stadt, erschiessen wehrlose Obdachlose, Leute werden – wahllos – niedergemetztelt. In Engomadeira / Cabula, einem Viertel der schwarzen Mittelschicht, überfallen 4 Bewaffnete eine Bar, fordern alle 5 anwesenden Männer auf, sich an die Wand zu stellen – und erschiessen sie.

Exekution. Das ist Krieg. 10 Tage vor Karnvalsbeginn.
Die Bevölkerung hat genug von dem Terrorzustand im Bundesland. In Süd Bahia wird die MP bei ihren Sympathie-Anwerbeversuchen nicht mehr freundlich empfangen, selbst die Kokosnussverkäufer beschimpfen sie. Niemand hat Verständnis für eine Klasse, deren Gehälter seit 2006 verdoppelt wurden – ein einfacher Militär Polizist verdient 2.500.- Reais; genauso viel wie ein Arzt am Gesundheitsposten, doppelt so viel wie eine LehrerIn… Abgesehen von den sonstigen Vergünstigungen wie 14. Gehalt, die sie im Laufe der Jahre erworben haben.
Der Zeitpunkt des Streiks lässt die Wirtschaft von Salvador zusammenbrechen. Der Tourismus – eine der wichtigsten Branchen – verzeichnet brisante Rückgänge: Nächtigungsstornierungen, ganze Kreuzfahrten werden abgesagt… Das größte Straßenfest der Welt droht zum Megaflopp zu werden!
Aber nicht nur die Hotelbetreiber klagen, die gesamte Kultur liegt brach – die meisten Konzerte sind abgesagt, die Pre-Karnevals Veranstaltungen finden nicht statt. No fun in Salvador!
All die prekären StraßenverkäuferInnen sind in ihrer Existenz bedroht – der Sommer, Karneval, das ist die Zeit des Jahres, wo sie Geld für die nächsten Monate verdienen. Nicht nur, dass der Bürgermeister João Enrique ihnen bereits vor 2 Wochen mit einem Verkaufsverbot gedroht hatte, jetzt ist es durch den Terror in der Stadt so weit: keine StraßenhändlerInnen weit und breit auf Salvadors Straßen!
Auch der Montag bringt keine Besserung der Lage – “ein falscher Sonntag” geistert es durch den Twitter, die Stadt ist extrem ruhig.Die Zahl der Toten ist auf über 100 gestiegen, die Streikenden weigern sich, das Parlament zu räumen und drohen, dass der Streik sich nach Rio de Janeiro ausweiten wird. Andere regionale Polizeigewerkschaften solidarisieren sich mit den Streikenden und geben der Regierung präventiv alle Schuld an einer eventuellen Gewaltlösung. Während die Regierung Dilma Roussef und Parteikollege Gouverneur Wagner versuchen, den Konflikt ohne Gewalt zu beenden, macht die Militärpolizei weiteren Druck. Sie reagieren auf keinen Einschüchterunngsversuch, suchen die Eskalation.
Am Montag abend werden die Geschäftsleute des Viertels PeriPeri schriftlich bedroht, ihre Geschäfte am Dienstag nicht mehr auf zu machen.
Der Terror der PM’s wird von der normalen Bevölkerung nicht mehr akzeptiert. Zögernd, aber immer bestimmter kommt ein Nein zum Terror. Ein Terror, den die Schwarzen, aber auch die anderen BewohnerInnen der Armenviertel und an der Peripherie, die Obdachlosen schon lange kennen. Ein Terror, der institutionalisert ist – keine Polizeihilfe, wenn sie gebraucht und von der normalen Bevölkerung gerufen wird, sond willkürliche Blitzes gegen junge schwarze Männer – meist mit Toten und Verletzen verbunden! Dabei geht es angeblich meistens um Drogenhandel.
Nur zur Erinnerung: die PM war das “Ordnungsinstrument” des Antonio Carlos Magalhães, der Bahia mit brutalster Hand an die 40 Jahre regiert hatte.
Während im facebook und Twitter immer mehr Menschen ein sofortiges Ende des Streiks fordern, die Zeitungen von São Paolo bereits über den fehlenden Rückhalt in der Bevölkerung berichten, sind die Intellektuellen der Mittelschicht noch immer am diskutieren, ob es nicht einfach legitimes Streikrecht und die Polizisten zu unterstützen seien. Aber Ausflug in die Peripherie wollen sie keinen machen… und sicher keine Demo!