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Bittere Tränen für Yemanja!

4 February 2012 4:06 PM

2. Februar 2012: Yemanja, das Fest der Meeresgöttin in Rio Vermelho, einem Stadtteil von Salvador. Das größte Fest der Popularkultur Bahias, alle sind da, um der Meeresgöttin ihre Gaben – und Wünsche zu übergeben… Leider ist da oft zu viel Plastik dabei…

Zu Yemanja’s Ehren kommen die brasilianische Kulturministerin Ana de Holanda ebenso wie Candomblé Mae Stella. Die berühmteste Band Bahias, Olodum spielt für Massen von Touristen, für die Bevölkerung der Randbezirke ebenso wie für die alternative Szene der Stadt auf…Yemanja bewegt an die 100.000 bis 200.000 Menschen, die in dem kleinen Fischerviertel bis in den Morgen feiern.

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Doch am 2.2.2012 wird nicht unbeschwert gefeiert. Die Militär Polizei streikt. Für die Sicherheit der BesucherInnen kann leider nicht garantiert werden. Ab 14.00 kommen keine Busse mehr in Rio Vermelho an, ab dem frühen Nachmittag eskaliert die Gewalt… Die Bilder gehen durchs Fernsehen.

Sicherheit gibt es nicht!

Viel mehr wird im TV nicht gezeigt – und schon gar nicht kommentiert. Über Twitter und Facebook verbreiten sich jedoch die Nachrichten in Windeseile. Ein Drittel der Militärpolizisten von Bahia streiken – für bessere Löhne, mehr Sicherheit, Pensionen, Gesundheitsvorsorge und für all das, was halt so die Rechte von ArbeitnehmerInnen sind.

Doch es ist kein normaler Streik, die Militär Polizei veranstaltet Chaos in der Stadt. Terror für die Bevölkerung ist angesagt. Autobusse werden von den Polizisten selbst überfallen, Straßen verbarrikadiert, erste Geschäfte schon am Nachmittag ausgeraubt. Kapuzenmänner, bis an die (nicht sichtbaren) Zähne bewaffnet, überfallen Autofahrer, Busse, Lokale… Angst. Völlige Unklarheit. Was ist los.

Am 2.2. wird, ab dem Nachmittag, in der Peripherie ebenso wie im Zentrum Salvadors geplündert, unzählige Überfälle versetzen die Bevölkerung in Angst und Schrecken, die Zufahrt- und Verbindungsstrassen sind blockiert, der Verkehr ist lahmgelegt. Banken werden überfallen, es gibt einige Tote. Die Geschäfte und Shoppingzentren sperren frühzeitig zu. Die Straßen sind mit Dunkelheitseinbruch wie leergefegt.

Gerüchtebörse

Im Internet ist ein Raunen gegen den PT Gouverneur von Bahia, Jacques Wagner zu vernehmen. Natürlich ist er nicht da, wenn das Volk ihn braucht, heißt es. Was er nur auf Dienstreise mit der Präsidentin Dilma Roussef macht – noch dazu in Kuba und Haiti. Die Unsicherheit – dafür sei er verantwortlich… sein Rücktritt wird vehementest in verschiedenen Foren gefordert!

Die streikende Militärpolizei besetzt mit knapp 1000 Mann, Frauen und Kindern das regionale Parlament. Alkohol fliesst angeblich in Strömen, im facebook werden dramatische Meldungen der Streikenden publiziert: „betet für uns, wir sind bereit bis zum letzten Mann zu kämpfen, wir sterben für unsere Anliegen…Wagner will uns abschlachten!“

Sicherheitsmaßnahmen

Stündlich kommen neue Terrornachrichten – in Feira de Santana , 100 Km nördlich von Salvador, wird die Uni geschlossen und der öffentliche Verkehr stillgelegt. In der Nacht wird die Situation immer schlimmer, die Menschen verbarrikadieren sich in ihren Häusern, die Straßen sind ausgestorben. Vandalierende Gruppen ziehen herum und terrorisieren die Bevölkerung. Unter ihnen – viele Militär Polizisten…

Gegen Mitternacht vom 2.2.2012 wird bekanntgegeben, dass loyale Polizeitruppen direkt aus Brasilia eingeflogen werden, um das Parlament zu befreien! Jacques Wagner lässt verlautbaren, dass er hart durchgreifen wird, um die Sicherheit der Bevölkerung zu garantieren. Weitere Truppen – Militärs und Spezialeinheiten der Polizei – sind im Anmarsch.

Zufälle

Im Facebook wird von der Diktatur Wagners gesprochen, eine Attacke gegen das Streikrecht sei das.

Seltsam klingt das für mich… viele Zufälle, handelt es sich um manipulierte Meinungen? Zu viele Stimmen verlangen sofort den Rücktritt Wagners… niemand geht auf den Streik der Militär Polizei ein. Auf die geballte Gewalt, das Lahmlegen einer 3 Millionen Stadt und den Ausnahmezustand, den die streikenden Polizisten gewollt geschaffen haben. Niemand spricht über den blühenden Drogenhandel in der Stadt und die angebliche Machtlosigkeit der Polizei, in keinem Forum wird über die offene Hand der Polizisten diskutiert, die nur etwas gegen das Verbrechen unternehmen, wenn man sie extra dafür bezahlt!

Niemanden wundert es, dass der Streik während einer Dienstreise des Gouverneurs stattfindet, keiner stößt sich an dem gewählten Datum, rund um Yemanja, dem größten Volksfest Bahias – mit all seinen vorhersehbaren Ausschreitungen, Gewalt, Alkohol und Exzessen.

Die Justiz von Bahia erklärt den Streik per Erlass als illegal und fordert dessen sofortige Unterbindung. Gegen den Streikführer, Marco Prisco, Vorsitzender der Gewerkschaft ASPRA, wird ein Haftbefehl ausgestellt. Prisco ist PSDB Mitglied, steht somit dem amtierenden Bürgermeister von Salvador João Enrique politisch sehr nahe. Doch Soldat Prisco ist umstritten… er wurde bereits 2001 in Unehren von den Streitkräften entlassen, da er mehrere gewalttätige Streiks in Eigeninteresse angeführt hatte.

Die rechten Parteien Salvadors – PSBD, PMDP, PP – unterstützen offiziell die Streikenden.

Die anderen Polizeigewerkschaften unterstützen die Forderungen, distanzieren sich jedoch von der Vorgehensweise und werden sich nicht dem Streik anschliessen.

Ganz leise

Die Gewalt und Unsicherheit, in die die Stadt gestürzt wird, ist unfassbar. Am Abend des 31.1.2012 war der Streik noch „heimlich“ ausgerufen worden, er sollte der Bevölkerung nicht mitgeteilt werden. Über Freunde erfuhr man es trotzdem. Selbstverständlich wussten es alle Polizisten und ihre Angehörigen…

Ich frage mich, ob der Streik mit der für den 1.2.2012 geplante Demonstration gegen den amtierenden Bürgermeister von Salvador, João Enrique, einen Immobilienmagnaten mit evangelikaler Ausrichtung, zusammenhängt.

Salvador erlebt gerade die Geburt einer BürgerInnenbewegung – DESOCUPA Salvador! Eine idignierte Mittelschicht schreit auf, sie wollen die gegen die öffentliche Enteignung vorgehen: Strände, die an die Freunde des Bürgermeisters zur kommerziellen Nutzung vergeben werden, kleine Gemeinden in Meeresnähe, die enteignet werden sollen (wie zb Vila Brandão), Naturreserven, die wahnwitzigen Immobilienprojekten weichen, Steuerschulden von bürgermeisternahen Shoppings, die großzügigst erlassen werden… Selbst eines der Wahrzeichen von Salvador, der Elevador Lacerda am Mercado Modelo soll „privatisiert“ werden. Die Gelder, die für die WM 2014 in die Infrastruktur der Stadt fließen sollten, verschwinden – bereits die zweite Metro wird nicht gebaut… aber bezahlt! Gewalt und Unsicherheit regieren die Stadt, Salvador scheint ein einziger, riesiger Carneval der politsichen Obszönitäten mit allen nötigen Ingredienzien zu sein. Korruption regiert auf allen Ebenen!

Vorprogrammiertes Chaos

Eigentlich macht das Chaos, in das die Stadt durch die streikenden Militärpolizei gestürzt wurde, nur das tägliche Drama von Salvador sichtbar: Korruption, unkontrollierte Polizeigewalt in Verbindung mit organisierten Verbrechen, politische Verstrickungen zwischen Immobilienmafia und Großunternehmertum, evangelikale, kriminelle Netzwerke, undemokratische Entscheidungsprozesse, schweigende Medien und eine größtenteils meinungslose, alles duldende Bevölkerung!

Der amtierende Bürgermeister, dessen Rücktritt jetzt so vehement gefordert wird, ist Teil dieses Szenarios. Der Streik kam ihm nicht wirklich ungelegen… verlagerte sich doch die gesamte Kritik in Richtung der linken National- und Bundesregierungen, die Bewegung DESOCUPA Salvador und ihre Forderungen wird mit einem Schlag aus den Medien gedrängt…

Und das zu einem Zeitpunkt, wo Dilma Roussef mit großem Elan und politischem Willen die korrupten Strukturen des Landes durchbricht. Erst unlängst hat sie den mit Milliarden dotierten Entwicklungsfonds des Nordostens zu Gunsten von Mittel- und Kleinbetrieben umgewidmet, sie setzt auf Nachhaltigkeit. Und geht auf Konfrontationskurs mit dem hier herrschenden Klientelismus. Der Sturz Wagners wäre für sie und ihre Regierung eine große Belastung. Ihr ambitioniertes Programm für ein korruptionsfreies Brasilien könnte scheitern.

no fun @ Yemanja

Der 3.2.2012 wird als blutiger Freitag in die Geschichte eingehen – mehr als 35 Tote wurden an diesem Tag mit den Gewaltausschreitungen in Verbindung gebracht – bei einem Jahresdurchschnitt von 4,3 täglichen Morden. Die Stadt ist lahmgelegt, viele Geschäfte bleiben den ganzen Tag geschlossen. Es wird geplündert, überfallen, Chaos gestiftet.

Das Kulturprogramm der Unterhaltungsmetropole ist übers Wochenende gestrichen.

Und die Stadtverwaltung legt noch eines drauf… am Freitag Nachmittag wird in den Vierteln der Peripherie die Wasserlieferung eingestellt – angeblich aus Wartungsgründen. Brutalste Überfälle auf die Zivilbevölkerung zeichnen die Nacht auf Samstag. Eine stillende, obdachlose Mutter wird auf offener Strasse von vorbeifahrenden Männern erschossen, Leute twittern „geht nicht raus, versteckt euch – in euren Kellern, Küchen, Kästen…“ In den Vierteln der oberen Mittelschicht, in „brankolândia“ stehen bereits die Panzer der Armee, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Wagner hält eine klare, positive und entschlossene Fernseh- und Radioansprache. Er wird die Demokratie schützen. Kein Platz für Terror gegen die Bevölkerung. Dilma schickt Militärs aus den angrenzenden Bundesländern nach Bahia, um die Stadt wieder zur Ruhe zu bringen. 12 Haftbefehle gegen die Redelsführer werden ausgestellt, der Sitz von ASPRA, den Streikenden, wird gerichtlich geschlossen.

Am Wochenende soll sich die Situation lösen – die Bundesregierung steht geschlossen hinter Wagner, Justizminister, die Sekretärin für nationale Sicherheit und der Oberkommandant der Streitkräfte treffen in Salvador ein, die Armee übernimmt die Stadt.

Einige Kulturveranstalter posten bereits Fotos von nicht ganz leeren Bars, es ist eh alles wieder in Ordnung!

Nur Olodum wird nicht mehr spielen, heute. Denis, auch genannt o „Negão“, einer der Percussionisten, wurde in der Nacht vom 2.2. am Heimweg in die Peripherie von Kapuzenmännern erschossen.

Alegria! Soria – você esta na Bahia!

Es ist Zeit, mit der korrupten Militär Polizei in dieser Stadt auf zu räumen und mehr soziale Sicherheit für die Bevölkerung in allen Vierteln zu schaffen. Mit bestem Gruß an den Bürgermeister João Enrique:DESOCUPA João!

Celia Mara live @ festival de verão 2012 – mercado modelo

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