Schlagwort: klimawandel

  • Vom Amazonas zur Biennale: Klimawandel – Kosmovision – Kunst

    Vom Amazonas zur Biennale: Klimawandel – Kosmovision – Kunst

    Maloca Mundial: Artist Talk mit MAHKU // Ibã Sales Huni Kuin und Kássia Borges

    “Lasst uns über das Wasser sprechen… über den menschengemachten Klimawandel, seine Überschwemmungen und Dürren im Amazonas. Über unser Leben, unsere Mythen und unsere Kunst. Und was wir Euch auf der Biennale in Venedig vermitteln wollen… “ Kássia Borges

    Nur 4% der Weltbevölkerung sind indigene Völker – aber 80% der weltweiten Biodiversität ist in ihren Territorien erhalten. Die indigene Kosmovision, ihre Lebensweise in Einklang mit der Umwelt, die gelebte Kreislaufwirtschaft und v.a. die Selbstbestimmung in indigenen Territorien sind ausschlaggebend für das Weltklima.

    Indigener Aktivismus ist so kreativ und vielfältig wie die indigenen Völker selbst. Wir möchten in der Maloca Mundial, dem virtuellen Dialograum des Klimabündnis Österreich, MAHKU, die Bewegung der HuniKuin Künstler_innen vorstellen, die ihr traditionelles Wissen durch die Sprache der Kunst in die Welt hinausbringen. Die Biennale von Venedig ist dafür die beste Plattform! MAHKU gestaltet die Fassade des Hauptpavillons der 60. Biennale.

    MALOCA MUNDIAL: 9.4.24:
    15:00-16:30(CET) // 10:00-11:30 (BRASILIA)
    Moderation: Silvia Jura / Facilitator: Marina Correa

    Portugiesisch mit deutscher Übersetzung 

    eine Veranstaltung vom Klimabündnis Österreich

    Menschengemachter Klimawandel, der Amazonas und indigene Kunst

    Die katastrophalen Folgen des menschengemachten Klimawandels treffen den Amazonas mit voller Härte. Unkontrollierte Waldbrände, Jahrhundert-Dürren gefolgt von Jahrhundert-Überschwemmungen zerstören das ewige Gleichgewicht des Amazonas.  Der Amazonas, die Klimazentrale der Welt, CO2 Speicher und Wasserspender Südamerikas ist nahe am Kipppunkt. Gerade haben die Präsident Lula und Macron ihr Engagement für den Amazonas bekräftigt… doch reicht das, um illegale Entwaldung, Infrastruktur-Großprojekte, die Ausweitung der Agro-Grenze, Minen, Erdölbohrungen und illegale Goldschürferei zu beenden? Indigene Völker können nicht alleine den Planeten retten! Sie fordern internationale Unterstützung im Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel.

    Zu Gast in der Maloca Mundial zeigen uns Ibã und Kássia, die beiden indigenen Forscher, Universitätsprofessoren und Künstler, wie sich indigene Kosmovision in Gegenwartskunst verwandelt und Botschaften zu Umwelt, Biodiversität und Klima emotional vermittelt. Sie berichten als Betroffene von den Überschwemmungen vom Rio Jordão im Februar 2024 und der Magie des Wassers.

    Artenvielfalt und Biodiversität gemeinsam mit indigenen Völkern schützen

    Wir alle wissen, dass sich, obwohl die indigenen Völker nur 4% der Weltbevölkerung darstellen, 80% der weltweiten Tier- und Pflanzenarten in indigenen Territorien finden. Die indigene Kosmovision, die Lebensweise in Einklang mit der Umwelt, die gelebte Kreislaufwirtschaft und v.a. die Selbstbestimmung in indigenen Territorien sind daher ausschlaggebend für das Weltklima.

    Doch der menschengemachte Klimawandel – mit Landraub, Entwaldung, Agrobusiness und Minen – zerstört indigenes Leben und den Planeten. Die indigenen Völker können nicht alleine die Erde schützen. Ihre Forderungen nach nationaler und internationaler Unterstützung von Regierungen und Unternehmen sind omnipräsent.

    MAHKU: die HUNI KUIN KÜNSTLER_INNENBEWEGUNG

    «Indigenous artists have an emblematic presence and their work greets the public in the Central Pavilion, where the Mahku collective from Brazil will paint a monumental mural on the building’s façade.(Stranieri ovunque/ Foreigners everywhere-Biennale Art 2024

    Mahku – das ist das Kollektiv indigener Huni Kuin-Künstler:innen vom Rio Jordão im Bundesstaat Acre. Die Gruppe bildete sich 2010-2011 auf Initiative von Ibã, dem Txaná der Huni Meka-Gesänge und umfasst etwa 12-16 seiner Schüler:innen. Ihre Arbeit basiert auf der Konvergenz zweier Sprachen: der Musik der traditionellen Huni Meka-Gesänge und der Zeichnung als visuelle Übersetzung dieser Gesänge. Die Arbeit von MAHKU schafft Brücken zwischen neuen und alten Generationen von Huni Kuin, die ihr Wissen vom Aussterben bedroht sehen.

    Das Motto der Gruppe lautet „Ich verkaufe Leinwand, ich kaufe Land“.

    Ibã ist ein indigener Forscher, ein Kultur- und Sozialanthropologe, Doktor Honoris Causa an der staatlichen Universität von Süd-Bahia, Lehrender und Forscher an der Bundesuniversität von Acre (UFAC) am Campus Cruzeiro do Sul und am Campus Rio Branco. Er lebt am Fluss Jordão im Bundesstaat Acre, im Dorf Chicu Kurumim, im Indigenen Territorium Kaxinawá.

    IBÃ SALES HUNI KUIN

    Ibã Huni Kuin (Isaías Sales) ist ein Txana, ein Meister des Gesangs in der Tradition des Volkes der Huni Kuin, um den sich MAHKU – die Bewegung der Huni-Kuin-Künstler – gebildet hat. Herausragend an seiner Arbeit ist die Auseinandersetzung mit der traditionellen Musik der Huni Kuin (die Huni Meka Gesänge) und ihre kollektive Übersetzung in eine multimediale Bildsprache. Gemeinsam mit MAHKU werden Sprache und Wissen der Huni Kuin transformiert, perpetuiert und in großformatige Bilder und multimediale Installationen übersetzt.

    Ibã: wie Forschung, Poesie, Kunst und indigene Lebensweise zusammenfliessen

    Seit 1983 arbeitet er als Lehrer für sein Volk. Zur Zeit ist er Häuptling/ Kazike, nationaler und internationaler Vertreter der Huni Kuin, Ausbildungsleiter, Forscher und Geist des Waldes. Sein Forschungsweg ist die spirituelle Musik und das heilige Getränk Nixi Pae. Er ist Musiker, Dichter, er kennt die duftenden Kräuter des Waldes, die traditionellen Heilkräuter und interpretiert gleichzeitig die rituelle Musik in einer ausdrucksstarken Bildsprache.

    Er arbeitet an der Huni Kuin Pädagogik und der Verschriftlichung der Sprache Hatxa Kuin. Als Lehrer und Professor für die Huni Kuin Pädagogik hat er die traditionellen Lieder aufgenommen und veröffentlicht.

    Sein Wissen beruht auf traditionellen Überlieferungen, er hat alle Fertigkeiten, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, gesammelt, betont stets, sehr viel von seinem Vater, Tuin Huni Kuin (Romão Sales), einem bedeutenden Huni Kuin Forscher, gelernt zu haben.

    Sein ganzes Leben widmet er der Erforschung und Bewahrung des musikalischen und rituellen Wissens der Huni Kuin, die im 20 Jahrhundert in Sklaverei als Kautschukzapfer lebten und somit ihre Kultur fast verloren hatten.

    Ibã erforscht seine traditionelle Ausbildung mit den Werkzeugen der Kulturanthropologie,  übersetzt mit den Mitteln der Poesie und des kreativen Schreibens, transponiert als bildender Künstler… Er gilt als der Spezialist für die Musikkünste der Huni Kuin, seine Teilnahme an Tagungen und Veröffentlichungen bestätigen das.

    Ibã brachte MAHKU zu nationalen und internationalen Ausstellungen (Biennale São Paulo, PIPA Prize, Cartier Fundation, Paris, Biennale Venedig… ) und ließ die Kunst der Huni Kuin zu einer internationalen Referenz werden.

    Kássia Borges,, Angehörige des Karajá / Ini-Volkes im brasilianischen Cerrado (Goias), lehrt dreidimensionale bildende Kunst an der staatl. Universität von Uberlandia (MG). Sie ist Doktorin in Nachhaltigkeits- und Umweltwissenschaften, Kuratorin des Museums do Indio UFU in Uberlandia/MG und Co-Kuratorin im MASP/ São Paulo.

    Kássia Borges

    Sie arbeitet als Künstlerin und ist mit Einzel und Gruppenausstellungen in Brasilien, Europa und den USA präsent. Zu nennen sind da zB Haus Der Kunst, München (Deutschland), La fraternelle, Saint Claude (France), Museum Tinguely Basel (Schweiz) oder die Pinacoteca São Paulo. Seit einigen Jahren arbeitet sie eng mit Ibã Sales Huni Kuin zusammen und ist Teil der Bewegung MAHKU.

    Ihr mehrdimensionales Werk setzt sich mit den Konzepten von Ursprung, Weiblichkeit und Herkunft auseinander,  Wasser ist dabei zentrales Element; ihre Sprache findet sie in Keramik, Fotografie, Zeichnung, Installation, Skulptur und Video.  Ihre Arbeiten sind bi- bis tridimensional,  stets thematisiert sie den Schmerz und die Kraft des Femininen.

    Wer sind die Huni Kuin – das Volk der Kaxinawa

    Die Huni Kuin leben im Grenzgebiet von Brasilien und Peru, sind über mehrere indigene Gebiete im Bundesstaat Acre und im südlichen Amazonas verteilt. Die gesamte Bevölkerung umfasst ca. 15.000 Menschen. Sie sprechen die Hatxa-Kuin-Sprache, die zur Pano-Sprachfamilie gehört.

    Huni Kuin bedeutet „wahre Menschen“ und ist die Eigenbezeichnung dieses Volkes. Sie sind als Kaxinawa bekannt.

    In ihrer Geschichte hatten sie intensiven Kontakt mit der Kautschukindustrie, die das Amazonasgebiet in den entscheidenden Phasen des 20. Jahrhunderts dominierte.

    Die Zeitrechnung der Huni Kuin kennt daher 4 Epochen:

    • Die Zeit der Maloca, des traditionellen Lebens

    • Die Zeit der Gefangenschaft in den Kautschukplantagen

    • Die Zeit der Befreiung und der Rechte

    • Die Zeit der Kultur.

    Notstand durch Überschwemmungen Februar/März 2024

    Klimawandelbedingte Überschwemmungen im Februar und März 2024, die auf die Jahrhundertdürre letzten Sommer/Herbst folgten, zerstörten die Lebensgrundlage der HunIKuin. Im Bundesstaat Acre sind 99 Städte im Ausnahmezustand. Am Fluß Jordão, wo auch das Dorf Chico Curumim, Heimat des KünstlerInnen-Kollektivs MAHKU liegt, waren die Folgen katastrophal. Ernte, Saatgut, Felder, Häuser und Hab & Gut der Bevölkerung wurden vom Wasser fortgetragen, jetzt herrschen Hunger und Krankheiten. Die kulturelle Arbeit von MAHKU, das Kulturzentrum, das als Schule dient, mit all seinen Materialien und Musikinstrumente, ist zerstört.

    Es werden Spenden gesammelt!

    Links:

    https://www.freie-radios.online/sendung/eintreten-durch-einen-aufgemalten-heilgesang-ueber-indigene-kunst-und-die-biennale

    https://ibasaleshunikuin.bandcamp.com/album/uma-voz-da-floresta-encantada

    nixi-pae.blogspot.com.br

  • Thermostat leuchtet ROT

    Thermostat leuchtet ROT

    Was haben die SDG’s und die Agenda 2030 mit unserem Leben zu tun, fragen sich viele. 

    Nun, die gute Nachricht ist, dass wir so den Klimawandel in die Hand nehmen könnten. Mit der Agenda 2030 wird die Klimakrise leichter verständlich, es finden sich konkrete Handlungsspielräume. Die 17 Ziele zur nachhaltigen Entwicklung sind ein Kompass, der uns die Planung und Umsetzung von lokalen Maßnahmen ermöglicht. 

    Ob bezahlbare und saubere Energie, nachhaltige Städte und Gemeinden, ob Bildungs-, Gleichstellungs- oder Gesundheitsprogramme oder globale Partnerschaften: wir haben viele Möglichkeiten, auf lokaler Ebene aktiv gegen den Klimawandel aufzutreten. Und das ist dringend nötig! 

    Denn leider kommt vom Weltklimarat die schlechte Nachricht: wir steuern im Eiltempo auf die Erderhitzung von 1,5 Grad zu, das Klimaziel von Paris 2015 wird damit unrealistisch. In Österreich erleben wir den Klimawandel bereits, den schneelosen Wintern folgen Hitzeperioden, Dürren, Stürme oder Überschwemmungen. In Österreich hat seit Beginn der Industrialisierung die Temperatur um rund 2 Grad zugenommen (im Vergleich zur vorindustriellen Periode 1850-1900). Alleine in den letzten rund 30 Jahren wurde es in Österreich zwischen 1,0 und 1,5 Grad wärmer. Die Erwärmung betraf alle Regionen und Höhenlagen ähnlich. 

    Es ist unsicher, ob sich der Thermostat der Erde zurückdrehen lässt. 

    Neben dem sofortigen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen können wir aktiv bestehende natürliche Kohlenstoffsenken schützen und erweitern. Das gilt für unsere Wälder, Moore und Brachländer genauso wie für den Regenwald. 

    Das Klimabündnis ist seit 1993 am Rio Negro aktiv. Mit der Hilfe all unserer Klimabündnisgemeinden gelang es unserer Partnerorganisation FOIRN, dem Dachverband der Indigenen Organisationen des Rio Negro, eine Fläche von 136.000 KM2 (1,6 x Österreich) Regenwaldgebiet dauerhaft als indigenes Land zu schützen. So werden ca. 27 Milliarden Kohlenstoff jährlich gebunden!  

    Demarkiertes, indigenes Land ist der beste Schutz vor Abholzung. 

    Die neue Regierung Brasiliens unter Präsident Lula hat mit dem Ministerium der indigenen Völker unter Sonia Guajajara einen wichtigen Schritt in Richtung Sicherung der indigenen Landrechte gesetzt. 

    Trotzdem kommen auch 2023 noch viele schlechte Nachrichten aus Brasilien:  

    Im Jänner schockierte uns die Bekanntgabe der humanitären Katastrophe im Yanomami-Land. International organisierte, iIllegale Goldgräberei hat zur Vergiftung der lokalen Gewässer durch Quecksilber und eine damit ausgelöste Ernährungskrise geführt. Die Vertreibung der Yanomamis durch Gewalt, Hunger, Krankheiten und gezielte Vergewaltigungen aus dem Gebiet wurde durch die vorherige Regierung Bolsonaro gefördert! Als erste Hilfsaktionen konnten noch im Jänner mobile Gesundheitseinheiten und Nahrungsmittel in die Region geschickt werden, das Militär wird gegen die Goldgräber eingesetzt. 

    Doch schon im Februar kam die nächste Hiobsbotschaft: Rekordabholzung im Regenwald!  

    Hier wird dringend ein ebenso entschlossenes Eingreifen wie im Falle der illegalen Goldgräberei erwartet. Brasiliens Institutionen für Natur- und Umweltschutz wurden jedoch zwischen 2018 und 2022 so geschwächt, dass sie derzeit kaum handlungsfähig sind. Die Budgets wurden aufs Minimum reduziert, erfahrene  Führungskräfte und Mitarbeiter:innen durch Bolsonaros Mittelsmänner ersetzt.  

    Die Aufgaben für die neue Regierung in ihrem Kampf für das Weltklima sind mannigfaltig. Der Schutz des Regenwaldes braucht auch unsere Mithilfe.  (Auszug aus dem Klimabündnis-Newsletter)

  • Neue Zeitrechnung in Brasilien

    Neue Zeitrechnung in Brasilien

    Cerimônia de posse do presidente da República, Luiz Inácio Lula da Silva no Palácio do Planalto Foto:Tania Rego@Agencia Brasil

    Eine Regierung aus dem Volk 

    Mit seinem herzerwärmenden Regierungsantritt am 1.1.2023 hat Präsident Lula da Silva die neue Richtung Brasiliens vorgegeben. Der Kampf gegen Hunger, soziale Ungerechtigkeit und die Wiederherstellung der Demokratie sind ebenso wie der Schutz der Umwelt und der Indigenen Völker vorderste Ziele. Reindustrialisierung und ein neuer Weg der Entwicklung stehen am Programm der breiten Rechts-Links Koalition.  

    Brasiliens Indigene an der Macht! 

    Endlich über das eigene Schicksal bestimmen! Nach 522 Jahren Unterdrückung, Verfolgung, Enteignung wird so unter Präsident Lula da Silva der Weg zur postkolonialen Gerechtigkeit eingeschlagen. Erstmals können die 305 indigenen Völker Brasiliens über ihr Schicksal mitbestimmen. Die Amtsübergabe an Präsident Lula wurde symbolisch vom 90 jährigen Cacique Raoni begleitet. Mit Sonia Guajajara steht eine erfahrene Kämpferin an der Spitze des neu gegründeten Ministeriums für indigene Völker, die Rechtsanwältin Joênia Wapichana übernimmt die Leitung der FUNAI und ist für die Anerkennung der Landrechte zuständig. Und der junge Rechtsanwalt Weibe Tapeba wird Sekretär für indigene Gesundheit, eine Herausforderung nach dem COVID-Desaster unter Bolsonaro.  

    Sonia Guajajara versteht ihre Position als Ergebnis einer kollektiven Kandidatur und vertritt die Interessen aller indigener Völker Brasiliens. Die Anerkennung indigener Landrechte und der Schutz vor Genozid stehen an erster Stelle, ebenso wird sie sich als Ministerin für gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Gesundheit einsetzen.  

    Klimagerechtigkeit ist für die Agrarlobby Brasiliens ein rotes Tuch 

    Lula’s radikale Wende in der Umwelt- und Klimapolitik gefällt nicht allen. Die medienwirksamen Krawalle vom 8 Jänner werden durch landesweite Terroraktionen auf die Infrastruktur begleitet. Nach über 1500 Festnahmen zeigt sich, dass es einen genau abgestimmten Chaosplan gibt. Viele Fäden laufen bei den „Amazonas-Herren“ der illegalen Abholzung, des Goldabbaus und des Landraubs zusammen. Brasiliens finstere Vergangenheit, die unter Bolsonaro wieder aufgeblüht war, ringt nach der ihr entgleitenden Macht. Brasilien ist knapp einem Putsch eintronnen.

    Manifestantes invadem Congresso, STF e Palácio do Planalto.
  • Brasiliens Aufbruch unter Lula 2023:  

    Brasiliens Aufbruch unter Lula 2023:  

    Kehrtwende in der  Klimapolitik, neue Hoffnung für den Amazonas und uns alle? 

    Die hausgemachte Klimakatastrophe Brasiliens 

    Brasiliens scheidender Präsident Jair Bolsonaro hat den Amazonas als Trümmerhaufen hinterlassen. In seiner Amtszeit wurde eine Fläche so groß wie Belgien zerstört, illegale Brandrodungen und Landraub standen vier Jahre lang an der Tagesordnung. Die indigenen Völker wie auch die Kleinbauern erlebten ein unbeschreibliches Ausmaß an Gewalt. Morde, Vergewaltigungen und Entführungen blieben unbestraft, indigene Gebiete wurden laufend durch Goldgräber und die bewaffneten Handlanger der Viehzüchter überfallen.  
    Die Auswirkungen sind für uns alle spürbar: die CO2 Emissionen des Amazonas haben sich in diesem Zeitraum verdoppelt – und liegen erstmals über der CO2 Absorption des Regenwaldes! 

    COP 27 – ein Lichtblick für den Amazonas? 

    Der antretende Präsident Lula da Silva hat in einer bewegenden Rede bei der COP 27 in Sharm el-Sheikh der Welt angekündigt, dass er die Klimapolitik als zentrales Anliegen seiner künftigen Regierung versteht und seinen totalen Einsatz für den Regenwald versprochen. Dies will er durch eigene Ministerien und Regierungsstellen garantieren. 

    Geplant ist dafür u.a. eine regierungsführende, ministerienübergreifende und international agierende zentrale Umwelt- und Klimakoordinationsstelle. 

    Zur Vorbereitung des Regierungswechsels im Jänner 23 wurden bereits parteienübergreifende Übergangskommissionen gebildet, deren Aufgabe die umfassende Bestandsaufnahme und die Vorbereitung des Regierungsagenden der einzelnen Ministerien ist.  

    So finden sich in der Kommission des Umweltministeriums die Ex-Umweltministerinnen Marina Silva und Izabella Teixeira, welche beide als potentielle Ministerinnen gehandelt werden. 

    Das Ministerium der indigenen Völker und die indigene parlamentarische Vertretung 

    Die Aufgaben dieses Ministeriums sind bis jetzt noch nicht klar definiert und sollen durch die Übergangskommission erarbeitet werden. Auf jeden Fall soll es die nationale indigenen Politik neu erarbeiten, Schutz und Demarkation der indigenen Territorien, Gesundheits-, Wirtschafts- wie auch Bildungsagenden übernehmen.   

    So ist die Kommission für dieses Ministerium mit wichtigen Vertreter:innen der indigenen Gesellschaft besetzt. Zu nennen wären da Sonia Guajajara und Célia Xakriabá, Joenia Wapichana sowie die Vertreter:innen einzelner Völker, wie der Philosoph David Kopenawa Yanomami, der Schamane Benki Piyãko der Ashaninka oder Beto Marubo / Vale do Javari.  

    Die besonders gute Nachricht für das Klimabündnis ist, dass der Präsident unserer Partnerorganisation FOIRN, Marivelton Baré, Mitglied der Übergangskommision ist. Als gewählter Vertreter der indigenen Völker des Rio Negro und somit des größten zusammenhängenden Feuchtgebietes des Amazonas steht er für den Schutz und die Umsetzung indigener und umweltpolitischer Rechte in der Region. Er stellt seine Erwartungen an die Kommission klar: “Die indigenen Rechte müssen jetzt in einem partizipativen Prozess wieder neu aufgebaut werden, sowohl das neue Ministerium als auch die staatliche Indigene Stiftung FUNAI müssen von indigenen Vertretern geleitet werden.” Marivelton verlangt, dass staatliche Politik nicht ohne Konsultationsprozesse mit den indigenen Völkern umgesetzt werden darf.  

    Dies bedeutet auch, dass die Arbeit, die in den letzten 30 Jahren in Zusammenarbeit mit dem Klimabündnis Österreich stattgefunden hat, in der Ausarbeitung der Agenden für das Ministerium wegbereitend sein wird. Organisationsentwicklung, die Stärkung nachhaltiger Bewirtschaftungssysteme des Regenwaldes, die Förderung von Gemeinschaftsinitiativen und die Einkommensschaffung stehen auf der Besprechungsagenda. Indigene öffentliche Politik wird diesen Forderungen nachkommen müssen.  

    Wer wird indigener Minister oder Ministerin? 

    Die Bestellung des Ministers oder der Ministerin erfolgt durch konsensuale Vorschläge der indigenen Völker und nicht durch alliierte Regierungsparteien. Unter den Favoriten für den Ministerposten ist die in Regierungsarbeit erfahrene, erste gewählte indigene Abgeordnete Joenia Wapichana. Doch auch über Sonia Guajajara, die sowohl national als auch international die indigene Bewegung ins Zentrum rückte, besteht weitgehend Konsens. 

    Sonia wurde jedoch 2022 zur Abgeordneten gewählt und führt gemeinsam mit Célia Xakriabá die wortgewaltige “Fraktion des Federschmucks” an, auf der große Hoffnungen liegen: die beiden kämpferischen Frauen sollen die parlamentarische Fraktion des Agrobusiness in Schach halten und Gesetze, welche dem Regenwald und seinen Bewohner:innen schaden, verhindern.  

    Das Klimabündnis Österreich als Partner 

    Brasilien 2023, unter Präsident Lula, hat sich mit dieser Agenda, und vor allem durch die Einbindung der indigenen Völker in die nationale Umweltpolitik, wieder als Keyplayer in Sachen Klimagerechtigkeit auf die Weltbühne katapultiert.  
    Das Engagement des Klimabündnis als internationaler Partner der indigenen Organisationen am Rio Negro wird daher in den nächsten vier Jahren noch stärker und positiver wirken, unsere projektbezogene, emanzipatorische Unterstützung – auch in Sachen Anwaltschaft auf nationaler und internationaler Ebene, ist wichtiger denn je. Schützen wir gemeinsam den Regenwald!  

    Silvia Jura da Silva, Projektleitung Klimagerechtigkeit  beim Klimabündnis Österreich