Fürs Klimabündnis und sein virtuelles Dialogforum Maloca Mundial, darf ich ein großartiges Projekt vorstellen: „Hamhi – die Erde lebt „. Im Herzen des von extensiver Viehwirtschaft zerstörten Bundeslandes Minas Gerais, wo Genozid und Vertreibung das Leben des Volkes der TIKMŨ’ŨN (Maxacali)über Jahrhunderte prägten, wächst neue Hoffnung:
Das Projekt Hamhi – Terra Viva stellt einen Neubeginn für das Volk der TIKMŨ’ŨN dar. Das InstitutOpaoká, auf Initiative von Professorin Rosangela Pereira Tugny, die seit Jahren mit den TIKMŨ’ŨN zusammenarbeitet, konnte die Organisation und Finanzierung eines Wiederaufforstungs- und Agroforstlichen Landwirtschafts- und Kulturprojektes sichern – am 29.10. zwischen 15:00 und 16:30 werden wir uns über kulturelle und klimatische Hintergründe unterhalten.
Bald sind sie hier, Ibã Sales Huni Kuin, Rita und Yaka Huni Kuin… um uns in ihre Welt zu führen, uns Einblick in den Alltag und die Kunst der Waldbewohner_innen zu schenken und gemeinsam für das gute Leben für unseren Planeten einzutreten. Kommt!
Zeitraum: 26.7.2025 – 4.8.2025Wir konnten das Künstler_innen MAHKU, Huni Kuin aus dem Herzen des brasilianischen Amazonas, für einen 10 tägigen Aufenthalt in Österreich gewinnen. Mit ihrem Gründer und spirituellen Vater Ibã Sales Huni Kuin, der in jahrzehntelanger Arbeit die heiligen Gesänge der Huni Kuins erforscht und dokumentiert hat und den beiden Künstlerinnen, Aktivistinnen und Pädagoginnen Rita Kaxinawa und Yaka Kaxinawa sind einige der bedeutendsten Vertreter_innen der Bewegung bei uns, um uns Einblick in ihre Welt zu gewähren.MAHKU hat sein Schaffen der Erhaltung und Verbreitung des kulturellen Wissens, der Spiritualität und der Traditionen seines Volkes gewidmet – und dies durch künstlerische Ausdrucksformen, im besonderen Gesang und bildende Kunst. Ihre Werke sind visuelle Übersetzungen der heiligen Ritualgesänge, charakterisiert durch die Verwendung geometrischer Formen und einer Symbologie, die in der Natur verwurzelt ist und somit die untrennbare Verbindung zwischen Menschheit, Kosmos und Umwelt reflektiert.MAHKU hat sich in der internationalen Kunstszene durchgesetzt, ihre prominente Teilnahme an der Biennale Venezia 2024 zeigt, dass das Kollektiv die Grenzen zwischen traditioneller und Gegenwartskunst durchbrochen hat und sich erfolgreich eurozentrischen Paradigmen widersetzt. Mit ihrer Arbeit stärken MAHKU die Repräsentativität indigener Kulturen und ihres Widerstandes und Resilienz in Zeiten der globalen Klimakrise.Mehr Infos zu den Huni Kuin, zu indigenem Wissen, Traditionen und Widerstand stelle ich gerade auf meine Webseite (www.silvias.net)- derzeit imBlog… bald besser aufgeschlüsselt.vom amazonas zur biennale Auch möchte ich auf den Radiobeitrag von Ute Mayrhofer aufmerksam machen:“Eintreten in einen Heilgesang durch Farben“ ALLE EINNAHMEN AUS DEM PROJEKT GEHEN ZU 100% AN DAS KOLLEKTIV UNTER LEITUNG VON IBÃ HUNI KUIN, UM DAMIT DAS 2024 DURCH DIE ÜBERSCHWEMMUNGEN ZERSTÖRTE DORF CHICO CUMURIM NEU AUFZUBAUEN.
PS: ANMELDUNGEN UND ZUSÄTZLICHE INFOS ZU WEITEREN TERMINEN DIREKT BEI MIR: SILVIAGLOBALISTA@GMAIL.COM,+4369910088700 (WHATSAPP/SIGNAL)
29.7. – 19:00: Viktoria Offspace / Viktoriagasse 5, 1150 Wien /Ausstellung & GesprächsrundeFür die mobile Ausstellung im VIKTORIA bringen MAHKU einige ihrer kleinformatigen Werke (ca. 1×1) mit, die von verschiedenen Künstler_innen des Kollektivs stammen. Ein unglaublicher Einblick in das künstlerische Universum des Amazonas, der sonst großen internationalen Museen & Galerien vorbehalten bleibt. Die Gesprächsrunde ist die Gelegenheit, um mit Ibã, Rita und Yaka über indigene Kunst, kollektives Schaffen, Traditionen, Widerstand, Ökologie oder Feminismus auf Augenhöhe zu diskutieren – eine Möglichkeit, sich mit den politischen Gedanken der Huni Kuin auseinanderzusetzen, indigenen Perspektiven näher zu kommen und in ihr Kunstuniversum einzutreten.Eintritt frei, Spenden sehr willkommen – Bilder und Kunsthandwerk zum Verkauf
30 & 31.7: Kreativ Retreat – Im Wald / Am Wagram (PLZ 3470)(nur mit Voranmeldung) Übernachtung möglich, genaue Infos bei Anmeldung: silviaglobalista@gmail.comMax. 10 Personen, Kostenbeitrag ab 200.- empf.ab 300.-
„ICH VERKAUFE LEINWAND – ICH KAUFE LAND!“Kunst ermöglicht, indigene Territorien dauerhaft zu sichern -sie schafft Sichtbarkeit für indigene Völker. MAHKU ist seit 2011 international unterwegs. Das Kollektiv der HuniKuin-Künstler:innen vom Rio Jordão im Bundesstaat Acre bildete sich auf Initiative von Ibã, dem Txaná der HuniMeka-Gesänge und umfasst etwa 16 seiner Schüler:innen. Ihre Arbeit basiert auf der Konvergenz zweier Sprachen: der Musik der traditionellen Huni Meka-Gesänge und der bildnerische Darstellung dieser Gesänge. Die Arbeit von MAHKU schafft Brücken zwischen neuen und alten Generationen von HuniKuin, die ihr Wissen vom Aussterben bedroht sehen. Für das Kollektiv der Huni Kuin Künstler_innen MAHKU ist die bildende Kunst ihre Brücke in die Moderne – ins Herz der internationalen Kunstszene. Damit tragen sie ihr Wissen in die Welt, um das Gute Leben für alle spürbar zu machen, die Verbindung zur Natur, zum Kosmos wieder herzustellen. es ist die Sprache der „Unsichtbaren“, der Waldmenschen, die eurozentristischen Normen seit 500 Jahren Widerstand leisten.
Nixi Pae – der Geist des Waldes Wo die gesungene Sprache als Poesie Niederschrift findet, wo Kosmovision und Philosophie der Huni Kuin in westliche Wörter gefasst werden, wo Huni Meka Gesänge zu Bildern und zu Geschichten werden… ist Txana Ibã Huni Kuin der Vermittler zwischen den Welten.Im Buddhistischen Zentrum führt er, Rita und Yaka uns durch die Heilgesänge der Huni Kuin und stellt uns das von ihm herausgegebene Buch „Nixi Pae – o espirito da floresta“ vor. NIXI PAE – O espirito da Floresta96 S. / Eigenverlag Rio Branco, 2024 // Übersetzung: Maria Inês de Almeida, Marcelo Piedrafita Iglesias // Buchpreis VVK 70.- € bei Vorbestellung silviaglobalista@gmail.com // 100.-€ wenn Restbestand verfügbar Teilnahme-Spende ab 50.-€
Maloca Mundial: Artist Talk mit MAHKU // Ibã Sales Huni Kuin und Kássia Borges
“Lasst uns über das Wasser sprechen… über den menschengemachten Klimawandel, seine Überschwemmungen und Dürren im Amazonas. Über unser Leben, unsere Mythen und unsere Kunst. Und was wir Euch auf der Biennale in Venedig vermitteln wollen… “ Kássia Borges
Nur 4% der Weltbevölkerung sind indigene Völker – aber 80% der weltweiten Biodiversität ist in ihren Territorien erhalten. Die indigene Kosmovision, ihre Lebensweise in Einklang mit der Umwelt, die gelebte Kreislaufwirtschaft und v.a. die Selbstbestimmung in indigenen Territorien sind ausschlaggebend für das Weltklima.
Indigener Aktivismus ist so kreativ und vielfältig wie die indigenen Völker selbst. Wir möchten in der Maloca Mundial, dem virtuellen Dialograum des Klimabündnis Österreich, MAHKU, die Bewegung der HuniKuin Künstler_innen vorstellen, die ihr traditionelles Wissen durch die Sprache der Kunst in die Welt hinausbringen. Die Biennale von Venedig ist dafür die beste Plattform! MAHKU gestaltet die Fassade des Hauptpavillons der 60. Biennale.
Menschengemachter Klimawandel, der Amazonas und indigene Kunst
Die katastrophalen Folgen des menschengemachten Klimawandels treffen den Amazonas mit voller Härte. Unkontrollierte Waldbrände, Jahrhundert-Dürren gefolgt von Jahrhundert-Überschwemmungen zerstören das ewige Gleichgewicht des Amazonas. Der Amazonas, die Klimazentrale der Welt, CO2 Speicher und Wasserspender Südamerikas ist nahe am Kipppunkt. Gerade haben die Präsident Lula und Macron ihr Engagement für den Amazonas bekräftigt… doch reicht das, um illegale Entwaldung, Infrastruktur-Großprojekte, die Ausweitung der Agro-Grenze, Minen, Erdölbohrungen und illegale Goldschürferei zu beenden? Indigene Völker können nicht alleine den Planeten retten! Sie fordern internationale Unterstützung im Kampf gegen den menschengemachten Klimawandel.
Zu Gast in der Maloca Mundial zeigen uns Ibã und Kássia, die beiden indigenen Forscher, Universitätsprofessoren und Künstler, wie sich indigene Kosmovision in Gegenwartskunst verwandelt und Botschaften zu Umwelt, Biodiversität und Klima emotional vermittelt. Sie berichten als Betroffene von den Überschwemmungen vom Rio Jordão im Februar 2024 und der Magie des Wassers.
Artenvielfalt und Biodiversität gemeinsam mit indigenen Völkern schützen
Wir alle wissen, dass sich, obwohl die indigenen Völker nur 4% der Weltbevölkerung darstellen, 80% der weltweiten Tier- und Pflanzenarten in indigenen Territorien finden. Die indigene Kosmovision, die Lebensweise in Einklang mit der Umwelt, die gelebte Kreislaufwirtschaft und v.a. die Selbstbestimmung in indigenen Territorien sind daher ausschlaggebend für das Weltklima.
Doch der menschengemachte Klimawandel – mit Landraub, Entwaldung, Agrobusiness und Minen – zerstört indigenes Leben und den Planeten. Die indigenen Völker können nicht alleine die Erde schützen. Ihre Forderungen nach nationaler und internationaler Unterstützung von Regierungen und Unternehmen sind omnipräsent.
MAHKU: die HUNI KUIN KÜNSTLER_INNENBEWEGUNG
«Indigenous artists have an emblematic presence and their work greets the public in the Central Pavilion, where the Mahku collective from Brazil will paint a monumental mural on the building’s façade.(Stranieri ovunque/ Foreigners everywhere-Biennale Art 2024
Mahku – das ist das Kollektiv indigener Huni Kuin-Künstler:innen vom Rio Jordão im Bundesstaat Acre. Die Gruppe bildete sich 2010-2011 auf Initiative von Ibã, dem Txaná der Huni Meka-Gesänge und umfasst etwa 12-16 seiner Schüler:innen. Ihre Arbeit basiert auf der Konvergenz zweier Sprachen: der Musik der traditionellen Huni Meka-Gesänge und der Zeichnung als visuelle Übersetzung dieser Gesänge. Die Arbeit von MAHKU schafft Brücken zwischen neuen und alten Generationen von Huni Kuin, die ihr Wissen vom Aussterben bedroht sehen.
Das Motto der Gruppe lautet „Ich verkaufe Leinwand, ich kaufe Land“.
Ibã ist ein indigener Forscher, ein Kultur- und Sozialanthropologe, Doktor Honoris Causa an der staatlichen Universität von Süd-Bahia, Lehrender und Forscher an der Bundesuniversität von Acre (UFAC) am Campus Cruzeiro do Sul und am Campus Rio Branco. Er lebt am Fluss Jordão im Bundesstaat Acre, im Dorf Chicu Kurumim, im Indigenen Territorium Kaxinawá.
IBÃ SALES HUNI KUIN
Ibã Huni Kuin (Isaías Sales) ist ein Txana, ein Meister des Gesangs in der Tradition des Volkes der Huni Kuin, um den sich MAHKU – die Bewegung der Huni-Kuin-Künstler – gebildet hat. Herausragend an seiner Arbeit ist die Auseinandersetzung mit der traditionellen Musik der Huni Kuin (die Huni Meka Gesänge) und ihre kollektive Übersetzung in eine multimediale Bildsprache. Gemeinsam mit MAHKU werden Sprache und Wissen der Huni Kuin transformiert, perpetuiert und in großformatige Bilder und multimediale Installationen übersetzt.
Ibã: wie Forschung, Poesie, Kunst und indigene Lebensweise zusammenfliessen
Seit 1983 arbeitet er als Lehrer für sein Volk. Zur Zeit ist er Häuptling/ Kazike, nationaler und internationaler Vertreter der Huni Kuin, Ausbildungsleiter, Forscher und Geist des Waldes. Sein Forschungsweg ist die spirituelle Musik und das heilige Getränk Nixi Pae. Er ist Musiker, Dichter, er kennt die duftenden Kräuter des Waldes, die traditionellen Heilkräuter und interpretiert gleichzeitig die rituelle Musik in einer ausdrucksstarken Bildsprache.
Er arbeitet an der Huni Kuin Pädagogik und der Verschriftlichung der Sprache Hatxa Kuin. Als Lehrer und Professor für die Huni Kuin Pädagogik hat er die traditionellen Lieder aufgenommen und veröffentlicht.
Sein Wissen beruht auf traditionellen Überlieferungen, er hat alle Fertigkeiten, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, gesammelt, betont stets, sehr viel von seinem Vater, Tuin Huni Kuin (Romão Sales), einem bedeutenden Huni Kuin Forscher, gelernt zu haben.
Sein ganzes Leben widmet er der Erforschung und Bewahrung des musikalischen und rituellen Wissens der Huni Kuin, die im 20 Jahrhundert in Sklaverei als Kautschukzapfer lebten und somit ihre Kultur fast verloren hatten.
Ibã erforscht seine traditionelle Ausbildung mit den Werkzeugen der Kulturanthropologie, übersetzt mit den Mitteln der Poesie und des kreativen Schreibens, transponiert als bildender Künstler… Er gilt als der Spezialist für die Musikkünste der Huni Kuin, seine Teilnahme an Tagungen und Veröffentlichungen bestätigen das.
Ibã brachte MAHKU zu nationalen und internationalen Ausstellungen (Biennale São Paulo, PIPA Prize, Cartier Fundation, Paris, Biennale Venedig… ) und ließ die Kunst der Huni Kuin zu einer internationalen Referenz werden.
Kássia Borges,, Angehörige des Karajá / Ini-Volkes im brasilianischen Cerrado (Goias), lehrt dreidimensionale bildende Kunst an der staatl. Universität von Uberlandia (MG). Sie ist Doktorin in Nachhaltigkeits- und Umweltwissenschaften, Kuratorin des Museums do Indio UFU in Uberlandia/MG und Co-Kuratorin im MASP/ São Paulo.
Kássia Borges
Sie arbeitet als Künstlerin und ist mit Einzel und Gruppenausstellungen in Brasilien, Europa und den USA präsent. Zu nennen sind da zB Haus Der Kunst, München (Deutschland), La fraternelle, Saint Claude (France), Museum Tinguely Basel (Schweiz) oder die Pinacoteca São Paulo. Seit einigen Jahren arbeitet sie eng mit Ibã Sales Huni Kuin zusammen und ist Teil der Bewegung MAHKU.
Ihr mehrdimensionales Werk setzt sich mit den Konzepten von Ursprung, Weiblichkeit und Herkunft auseinander, Wasser ist dabei zentrales Element; ihre Sprache findet sie in Keramik, Fotografie, Zeichnung, Installation, Skulptur und Video. Ihre Arbeiten sind bi- bis tridimensional, stets thematisiert sie den Schmerz und die Kraft des Femininen.
Wer sind die Huni Kuin – das Volk der Kaxinawa
Die Huni Kuin leben im Grenzgebiet von Brasilien und Peru, sind über mehrere indigene Gebiete im Bundesstaat Acre und im südlichen Amazonas verteilt. Die gesamte Bevölkerung umfasst ca. 15.000 Menschen. Sie sprechen die Hatxa-Kuin-Sprache, die zur Pano-Sprachfamilie gehört.
Huni Kuin bedeutet „wahre Menschen“ und ist die Eigenbezeichnung dieses Volkes. Sie sind als Kaxinawa bekannt.
In ihrer Geschichte hatten sie intensiven Kontakt mit der Kautschukindustrie, die das Amazonasgebiet in den entscheidenden Phasen des 20. Jahrhunderts dominierte.
Die Zeitrechnung der Huni Kuin kennt daher 4 Epochen:
• Die Zeit der Maloca, des traditionellen Lebens
• Die Zeit der Gefangenschaft in den Kautschukplantagen
• Die Zeit der Befreiung und der Rechte
• Die Zeit der Kultur.
Notstand durch Überschwemmungen Februar/März 2024
Klimawandelbedingte Überschwemmungen im Februar und März 2024, die auf die Jahrhundertdürre letzten Sommer/Herbst folgten, zerstörten die Lebensgrundlage der HunIKuin. Im Bundesstaat Acre sind 99 Städte im Ausnahmezustand. Am Fluß Jordão, wo auch das Dorf Chico Curumim, Heimat des KünstlerInnen-Kollektivs MAHKU liegt, waren die Folgen katastrophal. Ernte, Saatgut, Felder, Häuser und Hab & Gut der Bevölkerung wurden vom Wasser fortgetragen, jetzt herrschen Hunger und Krankheiten. Die kulturelle Arbeit von MAHKU, das Kulturzentrum, das als Schule dient, mit all seinen Materialien und Musikinstrumente, ist zerstört.
Wir tragen Verantwortung für unsere Umwelt, unser Klima, den Umgang mit Ressourcen.
80% der Biodiversität dieser Welt ist in indigenen Territorien erhalten.
Was können wir von Indigenen Völkern und dem Konzept des Buen Vivirs, des guten Lebens für alle lernen? Und vor allem – wie können wir lernen?
Wenn wir sagen, dass unser Fluss heilig ist, sagen die Leute „Das ist eine Folklore von ihnen„. Wenn wir sagen, dass der Berg zeigt, dass es regnen wird und dass dieser Tag ein erfolgreicher Tag, ein guter Tag sein wird, sagen sie: „Nein, ein Berg sagt nichts“. Wenn wir den Fluss, den Berg entpersönlichen, wenn wir ihnen ihre Sinne nehmen, indem wir die Sinne als ausschließliches Attribut des Menschen betrachten, lassen wir diese Orte zuAbfallprodukten industrieller und extraktivistischer Aktivitäten werden„. Ailton Krenak: Ideen zur Aufschiebung des Weltuntergangs
Das Buen Vivir bietet einen ganzheitlichen Zugang zu Mensch, Wirtschaft, Natur, Kosmos. Alles ist mit allem verbunden, wir Menschen sind nur ein gleichberechtigtes Teilchen des großen Ganzen und sollen unseren Beitrag dazu leisten.
Der Kapitalismus und sein Extraktivismus, der schonungslose Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen, der schrankenlose Individualismus und Egoismus stehen einem kollektiven Denken, wo die Gemeinschaft aller Lebewesen im Vordergrund steht, gegenüber.
Beim Klimabündnis arbeiten wir seit 30 Jahren lokal an globalen Zusammenhängen: Österreichische Gemeinden unterstützen die indigenen Völker im Regenwald, ihre traditionelle Lebensweise und Philosophie am Leben zu halten. So wird die globale Kohlenstoffsenke Regenwald vor Abholzung und illegalen Minen weiter geschützt. Und hier, in Österreich, tragen wir mit lokalen Maßnahmen aktiv zum Klimaschutz bei. Nur gemeinsam können wir den Klimawandel bekämpfen..
Was haben die SDG’s und die Agenda 2030 mit unserem Leben zu tun, fragen sich viele.
Nun, die gute Nachricht ist, dass wir so den Klimawandel in die Hand nehmen könnten. Mit der Agenda 2030 wird die Klimakrise leichter verständlich, es finden sich konkrete Handlungsspielräume. Die 17 Ziele zur nachhaltigen Entwicklung sind ein Kompass, der uns die Planung und Umsetzung von lokalen Maßnahmen ermöglicht.
Ob bezahlbare und saubere Energie, nachhaltige Städte und Gemeinden, ob Bildungs-, Gleichstellungs- oder Gesundheitsprogramme oder globale Partnerschaften: wir haben viele Möglichkeiten, auf lokaler Ebene aktiv gegen den Klimawandel aufzutreten. Und das ist dringend nötig!
Denn leider kommt vom Weltklimarat die schlechte Nachricht: wir steuern im Eiltempo auf die Erderhitzung von 1,5 Grad zu, das Klimaziel von Paris 2015 wird damit unrealistisch. In Österreich erleben wir den Klimawandel bereits, den schneelosen Wintern folgen Hitzeperioden, Dürren, Stürme oder Überschwemmungen. In Österreich hat seit Beginn der Industrialisierung die Temperatur um rund 2 Grad zugenommen (im Vergleich zur vorindustriellen Periode 1850-1900). Alleine in den letzten rund 30 Jahren wurde es in Österreich zwischen 1,0 und 1,5 Grad wärmer. Die Erwärmung betraf alle Regionen und Höhenlagen ähnlich.
Es ist unsicher, ob sich der Thermostat der Erde zurückdrehen lässt.
Neben dem sofortigen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen können wir aktiv bestehende natürliche Kohlenstoffsenken schützen und erweitern. Das gilt für unsere Wälder, Moore und Brachländer genauso wie für den Regenwald.
Das Klimabündnis ist seit 1993 am Rio Negro aktiv. Mit der Hilfe all unserer Klimabündnisgemeinden gelang es unserer Partnerorganisation FOIRN, dem Dachverband der Indigenen Organisationen des Rio Negro, eine Fläche von 136.000 KM2 (1,6 x Österreich) Regenwaldgebiet dauerhaft als indigenes Land zu schützen. So werden ca. 27 Milliarden Kohlenstoff jährlich gebunden!
Demarkiertes, indigenes Land ist der beste Schutz vor Abholzung.
Die neue Regierung Brasiliens unter Präsident Lula hat mit dem Ministerium der indigenen Völker unter Sonia Guajajara einen wichtigen Schritt in Richtung Sicherung der indigenen Landrechte gesetzt.
Trotzdem kommen auch 2023 noch viele schlechte Nachrichten aus Brasilien:
Im Jänner schockierte uns die Bekanntgabe der humanitären Katastrophe im Yanomami-Land. International organisierte, iIllegale Goldgräberei hat zur Vergiftung der lokalen Gewässer durch Quecksilber und eine damit ausgelöste Ernährungskrise geführt. Die Vertreibung der Yanomamis durch Gewalt, Hunger, Krankheiten und gezielte Vergewaltigungen aus dem Gebiet wurde durch die vorherige Regierung Bolsonaro gefördert! Als erste Hilfsaktionen konnten noch im Jänner mobile Gesundheitseinheiten und Nahrungsmittel in die Region geschickt werden, das Militär wird gegen die Goldgräber eingesetzt.
Doch schon im Februar kam die nächste Hiobsbotschaft: Rekordabholzung im Regenwald!
Hier wird dringend ein ebenso entschlossenes Eingreifen wie im Falle der illegalen Goldgräberei erwartet. Brasiliens Institutionen für Natur- und Umweltschutz wurden jedoch zwischen 2018 und 2022 so geschwächt, dass sie derzeit kaum handlungsfähig sind. Die Budgets wurden aufs Minimum reduziert, erfahrene Führungskräfte und Mitarbeiter:innen durch Bolsonaros Mittelsmänner ersetzt.
Die Aufgaben für die neue Regierung in ihrem Kampf für das Weltklima sind mannigfaltig. Der Schutz des Regenwaldes braucht auch unsere Mithilfe. (Auszug aus dem Klimabündnis-Newsletter)
Cerimônia de posse do presidente da República, Luiz Inácio Lula da Silva no Palácio do Planalto Foto:Tania Rego@Agencia Brasil
Eine Regierung aus dem Volk
Mit seinem herzerwärmenden Regierungsantritt am 1.1.2023 hat Präsident Lula da Silva die neue Richtung Brasiliens vorgegeben. Der Kampf gegen Hunger, soziale Ungerechtigkeit und die Wiederherstellung der Demokratie sind ebenso wie der Schutz der Umwelt und der Indigenen Völker vorderste Ziele. Reindustrialisierung und ein neuer Weg der Entwicklung stehen am Programm der breiten Rechts-Links Koalition.
Brasiliens Indigene an der Macht!
Endlich über das eigene Schicksal bestimmen! Nach 522 Jahren Unterdrückung, Verfolgung, Enteignung wird so unter Präsident Lula da Silva der Weg zur postkolonialen Gerechtigkeit eingeschlagen. Erstmals können die 305 indigenen Völker Brasiliens über ihr Schicksal mitbestimmen. Die Amtsübergabe an Präsident Lula wurde symbolisch vom 90 jährigen Cacique Raoni begleitet. Mit Sonia Guajajara steht eine erfahrene Kämpferin an der Spitze des neu gegründeten Ministeriums für indigene Völker, die Rechtsanwältin Joênia Wapichana übernimmt die Leitung der FUNAI und ist für die Anerkennung der Landrechte zuständig. Und der junge Rechtsanwalt Weibe Tapeba wird Sekretär für indigene Gesundheit, eine Herausforderung nach dem COVID-Desaster unter Bolsonaro.
Sonia Guajajara versteht ihre Position als Ergebnis einer kollektiven Kandidatur und vertritt die Interessen aller indigener Völker Brasiliens. Die Anerkennung indigener Landrechte und der Schutz vor Genozid stehen an erster Stelle, ebenso wird sie sich als Ministerin für gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Gesundheit einsetzen.
Klimagerechtigkeit ist für die Agrarlobby Brasiliens ein rotes Tuch
Lula’s radikale Wende in der Umwelt- und Klimapolitik gefällt nicht allen. Die medienwirksamen Krawalle vom 8 Jänner werden durch landesweite Terroraktionen auf die Infrastruktur begleitet. Nach über 1500 Festnahmen zeigt sich, dass es einen genau abgestimmten Chaosplan gibt. Viele Fäden laufen bei den „Amazonas-Herren“ der illegalen Abholzung, des Goldabbaus und des Landraubs zusammen. Brasiliens finstere Vergangenheit, die unter Bolsonaro wieder aufgeblüht war, ringt nach der ihr entgleitenden Macht. Brasilien ist knapp einem Putsch eintronnen.
Manifestantes invadem Congresso, STF e Palácio do Planalto.
Kehrtwende in der Klimapolitik, neue Hoffnung für den Amazonas und uns alle?
Die hausgemachte Klimakatastrophe Brasiliens
Brasiliens scheidender Präsident Jair Bolsonaro hat den Amazonas als Trümmerhaufen hinterlassen. In seiner Amtszeit wurde eine Fläche so groß wie Belgien zerstört, illegale Brandrodungen und Landraub standen vier Jahre lang an der Tagesordnung. Die indigenen Völker wie auch die Kleinbauern erlebten ein unbeschreibliches Ausmaß an Gewalt. Morde, Vergewaltigungen und Entführungen blieben unbestraft, indigene Gebiete wurden laufend durch Goldgräber und die bewaffneten Handlanger der Viehzüchter überfallen. Die Auswirkungen sind für uns alle spürbar: die CO2 Emissionen des Amazonas haben sich in diesem Zeitraum verdoppelt – und liegen erstmals über der CO2 Absorption des Regenwaldes!
COP 27 – ein Lichtblick für den Amazonas?
Der antretende Präsident Lula da Silva hat in einer bewegenden Rede bei der COP 27 in Sharm el-Sheikh der Welt angekündigt, dass er die Klimapolitik als zentrales Anliegen seiner künftigen Regierung versteht und seinen totalen Einsatz für den Regenwald versprochen. Dies will er durch eigene Ministerien und Regierungsstellen garantieren.
Geplant ist dafür u.a. eine regierungsführende, ministerienübergreifende und international agierende zentrale Umwelt- und Klimakoordinationsstelle.
Zur Vorbereitung des Regierungswechsels im Jänner 23 wurden bereits parteienübergreifende Übergangskommissionen gebildet, deren Aufgabe die umfassende Bestandsaufnahme und die Vorbereitung des Regierungsagenden der einzelnen Ministerien ist.
So finden sich in der Kommission des Umweltministeriums die Ex-Umweltministerinnen Marina Silva und Izabella Teixeira, welche beide als potentielle Ministerinnen gehandelt werden.
Das Ministerium der indigenen Völker und die indigene parlamentarische Vertretung
Die Aufgaben dieses Ministeriums sind bis jetzt noch nicht klar definiert und sollen durch die Übergangskommission erarbeitet werden. Auf jeden Fall soll es die nationale indigenen Politik neu erarbeiten, Schutz und Demarkation der indigenen Territorien, Gesundheits-, Wirtschafts- wie auch Bildungsagenden übernehmen.
So ist die Kommission für dieses Ministerium mit wichtigen Vertreter:innen der indigenen Gesellschaft besetzt. Zu nennen wären da Sonia Guajajara und Célia Xakriabá, Joenia Wapichana sowie die Vertreter:innen einzelner Völker, wie der Philosoph David Kopenawa Yanomami, der Schamane Benki Piyãko der Ashaninka oder Beto Marubo / Vale do Javari.
Die besonders gute Nachricht für das Klimabündnis ist, dass der Präsident unserer Partnerorganisation FOIRN, Marivelton Baré, Mitglied der Übergangskommision ist. Als gewählter Vertreter der indigenen Völker des Rio Negro und somit des größten zusammenhängenden Feuchtgebietes des Amazonas steht er für den Schutz und die Umsetzung indigener und umweltpolitischer Rechte in der Region. Er stellt seine Erwartungen an die Kommission klar: “Die indigenen Rechte müssen jetzt in einem partizipativen Prozess wieder neu aufgebaut werden, sowohl das neue Ministerium als auch die staatliche Indigene Stiftung FUNAI müssen von indigenen Vertretern geleitet werden.” Marivelton verlangt, dass staatliche Politik nicht ohne Konsultationsprozesse mit den indigenen Völkern umgesetzt werden darf.
Dies bedeutet auch, dass die Arbeit, die in den letzten 30 Jahren in Zusammenarbeit mit dem Klimabündnis Österreich stattgefunden hat, in der Ausarbeitung der Agenden für das Ministerium wegbereitend sein wird. Organisationsentwicklung, die Stärkung nachhaltiger Bewirtschaftungssysteme des Regenwaldes, die Förderung von Gemeinschaftsinitiativen und die Einkommensschaffung stehen auf der Besprechungsagenda. Indigene öffentliche Politik wird diesen Forderungen nachkommen müssen.
Wer wird indigener Minister oder Ministerin?
Die Bestellung des Ministers oder der Ministerin erfolgt durch konsensuale Vorschläge der indigenen Völker und nicht durch alliierte Regierungsparteien. Unter den Favoriten für den Ministerposten ist die in Regierungsarbeit erfahrene, erste gewählte indigene Abgeordnete Joenia Wapichana. Doch auch über Sonia Guajajara, die sowohl national als auch international die indigene Bewegung ins Zentrum rückte, besteht weitgehend Konsens.
Sonia wurde jedoch 2022 zur Abgeordneten gewählt und führt gemeinsam mit Célia Xakriabá die wortgewaltige “Fraktion des Federschmucks” an, auf der große Hoffnungen liegen: die beiden kämpferischen Frauen sollen die parlamentarische Fraktion des Agrobusiness in Schach halten und Gesetze, welche dem Regenwald und seinen Bewohner:innen schaden, verhindern.
Das Klimabündnis Österreich als Partner
Brasilien 2023, unter Präsident Lula, hat sich mit dieser Agenda, und vor allem durch die Einbindung der indigenen Völker in die nationale Umweltpolitik, wieder als Keyplayer in Sachen Klimagerechtigkeit auf die Weltbühne katapultiert. Das Engagement des Klimabündnis als internationaler Partner der indigenen Organisationen am Rio Negro wird daher in den nächsten vier Jahren noch stärker und positiver wirken, unsere projektbezogene, emanzipatorische Unterstützung – auch in Sachen Anwaltschaft auf nationaler und internationaler Ebene, ist wichtiger denn je. Schützen wir gemeinsam den Regenwald!
Silvia Jura da Silva, Projektleitung Klimagerechtigkeit beim Klimabündnis Österreich
Was ist Gewalt? Ein blaues Auge, körperliche Misshandlung? Vergewaltigung, Nötigung zum Sex? Oder ist es die zugeflüsterte Bedrohung, das untersuchte Handy, die versperrte Haustüre, Beleidigungen im Netz, der Ex an der Straßenecke oder gar die geplante Zwangsehe?
Gewalt hat unzählige Gesichter – wir wissen nicht, wann einem hingeworfenen Wort eine lebensgefährliche Handlung folgen kann. Oft können Frauen als Gewaltbetroffene das nicht richtig für sich selbst einschätzen. Angst, Hoffnung, Schuldgefühle, Pflicht oder Einsamkeit vernebeln die Wahrnehmung. Und die Scham, darüber zu sprechen, jemanden zu beschuldigen, jemanden vor der Nachbarschaft oder der Familie bloßzustellen, entlässt die erfahrene Gewalt in die Verdrängung.
2022 wurden in Österreich 27 Frauen ermordet, 24 weitere überlebten einen Mordversuch oder wurden Opfer schwerer Gewalt. Meistens hätte die Gewalt verhindert werden können.
Ich bin schon eine Zeit lang beim helpchat für gewaltbetroffene Frauen als Online-Beraterin aktiv. Aus Überzeugung! Ich glaube an die Kraft, die in jeder von uns steckt, an die solidarischen Netzwerke, an erste Hilfe-Institutionen, die Leben retten können. Wir sind eine erste Anlaufstelle, um Frauen in die Selbsthilfe zu bringen, sich selbst zu schützen, sich zu informieren. Wir helfen unseren Klientinnen, zu begreifen, was da genau passiert. Und daraus rechtzeitig Konsequenzen zu ziehen.
Mir gefällt die Anonymität, wir sind ein geschützter virtueller Frauenraum. Jede kann frei losschreiben, ihre Ängste, Wahrnehmungen, Erfahrungen einfach in privaten Chats, mit einer von uns Beraterinnen teilen. Wir unterstützen die Frauen in ihrer Selbstfürsorge, beraten sie, wie sie mit dem Erlebten umgehen können, gemeinsam erarbeiten wir Auswege aus der Gewalt. Jeder Chat, jede Userin bringt eine neue Herausforderung. Kultureller Background, psychologische Hintergründe, Familienverhältnisse, soziales Umfeld – all das gehört in der Lösungssuche berücksichtigt.
Teil des Helpchats Teams zu sein, gemeinsam mit engagierten psychosozialen Beraterinnen, Psychologinnen, Juristinnen und Gewaltspezialistinnen zu arbeiten und Frauen in ihrem Kampf gegen Gewalt zu unterstützen, gibt mir Hoffnung. Emanzipatorische Beratung verändert täglich ein kleines Stück vom Leben!
helpchat: Onlinebeberatung anonym und kostenlos, ohne Wartezeiten – in vielen Sprachen!
Täglich 18:00-22:00, Fr. auch 9:00 – 11:00 https://www.haltdergewalt.at/
silvias.net hat sich im digitalen Raum aufgelöst… mit all seinen Geschichten, den Projekten der letzten Jahre, den Festivals und Netzwerken, der Musik von Célia Mara, den Dokumentationen, der politischen Berichterstattung zu Brasilien, den vielen Fotos und Videos. Ein Stück meiner Geschichte ist gegangen.
Loslassen – mehr kann ich dazu nicht sagen.
Im zwischenzeitlichen Corona-Rückzug haben sich neue Perspektiven eröffnet… über die ich hier berichten werde.
So begleite und berate ich seit Beginn 2022 das Projekt Yushãtxü – ein öko-sozialer emanzipatorischer Prozess von Shanenawa Frauen im Amazonas.
Nach meinem Diplom zum systemischen Coach an der St. Gallener Coach-Akademie bin ich nun als psychosoziale Beraterin und Mediatorin aktiv, noch in Ausbildung, unter Supervision. Sehr spannend… und eine echte Leidenschaft.
Und so arbeite ich – recht langsam – an meinem aktuellen Erscheinungsbild, publiziere ein bisschen, und versuche, meine Seite wieder in Form zu bringen.
Ich hoffe, dass wir uns hier bald wiedersehen. Es gibt viele Neuigkeiten.
Diskussionsveranstaltung: Brasilien am Scheideweg – hat die Demokratie eine Chance?
Am 3.10.2018 hatten wir eine Runde Brasilienexpert_innen eingeladen, um im Lateinamerika-Institut über den bevorstehenden Wahlgang zu diskutieren. Und ich muss gestehen, ich bin tief besorgt. Und so waren es auch unsere Diskutant_innen, die letzten Umfrageergebnisse lassen uns bis zuletzt zittern.
Hier die Einleitung zu unserer Diskussion, die ich moderiert habe. Ein Audio-Beitrag folgt in Kürze, die Wiener Zeitung hat einen sehr informativen Artikel dazu geschrieben. (Wiener Zeitung)
Am 7. Oktober entscheiden 145 Millionen Brasilianer_innen, davon 77 Millionen Frauen, über die Zukunft ihres Landes. Aber schon vorweg wurde 3 Millionen Menschen das Wahlrecht in einer schnellen Aktion der Wahljustiz entzogen, die eine neuerliche biometrische Registrierung erforderte und so v.a. den in abgelegenen ländlichen Regionen und den sozial Schwachen und Uniformierten den Zugang zur Urne verwehrt.
Inmitten des herrschenden „Lawfare“- Szenarios wirkt der brasilianische Wahlkampf wie ein letzter Aufschrei vor dem Ende der Demokratie. Justiz und Medien zeigen keinerlei Unparteilichkeit, im Gegenteil, sie arbeiten offensichtlich an der Zerstörung der brasilianischen Sozialdemokratie, Verfolgungs-, Verleumdungs- und Haßkampagnen gegen die Linke, ihre Führer_innen, sowie gegen fast alle Minderheiten prägen den Alltag.
Den Worten folgen die Taten: die Gewalt wird auch umgesetzt – Militärs und private Milizen ermordeten alleine im Jahr 2017 über 300 Indigene Führer_innen, Vertreter_innen der Landlosenbewegung, Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten sowie Politiker_innen der Linken. Einen Höhepunkt bildete die Hinrichtung der lesbischen, schwarzen Favelavertreterin und Gemeinderatsabgeordneten Marielle Franco, eine der politischen Hoffnungen der Linken in Rio de Janeiro. Die Verleumdungskampagne gegen Luis Inacio Lula da Silva gipfelte in seiner Verhaftung und einer Verurteilung im Schnellverfahren. Lula kann als Brasiliens prominentester politischer Gefangener gewertet werden.
Seit der Machtübernahme durch Michel Temer 2016, dem Impeachment der Präsidentin Dilma Roussef, das aus heutiger Sicht keine rechtlichen Grundlagen hatte und daher als parlamentarischer und medialer Putsch gewertet werden kann, ist das Land in eine tiefe Krise geschlittert.
Die Wirtschaft stagniert bei einem Wachstum von 1% per anno, der Reallohn ist gesunken, die Unterbeschäftigung bzw. Beschäftigungslosigkeit liegt bei 4,8 Mio und die Arbeitslosigkeit ist auf 13 Mio gestiegen; 1,5 Mio Menschen sind in einem Jahr in die absolute Armut gefallen. Brasilien ist bereits wieder auf der Welthungerkarte zu finden.
Das Wirtschaftsprogramm, das exakt auf das 1% der Reichsten Brasiliens zugeschnitten war – knappe 900000 Wähler_innen, ist als ausgesprochen neoliberal zu bezeichnen: eine Privatisierungswelle des Staatseigentums (zuletzt wurden 75% der Petrobras an Exxon, Chevron und Shell verschleudert), das Einfrieren bzw. Senken der öffentlichen Ausgaben für Gesundheit, Bildung und Infrastrukturmaßnahmen, die Arbeitsreform, die die Rechte der Arbeitnehmer_innen auslöschte sind nur die markantesten Beispiele.
Temers Kabinett ist von Korruptionsskandalen geprägt, Ungestraftheit ist an der Tagesordnung. Temer selbst ist nachgewiesenermassen in Korruption verwickelt, Aécio Neves, der General des Impeachments, entkam nur dank eines freundschaftlichen Urteils der Obersten Richterin Carmen Lucia dem Gefängnis, kann sich kaum in der Öffentlichkeit zeigen. Das große Thema Brasiliens, der Kampf gegen Korruption, wurde in einen Kampf gegen die Linke umgewandelt – Temer vom MDB und seine Allierten vom PSDB sind verwickelt, jedoch größtenteils ungestraft.
Das wirkt sich im Wahlkampf aus: Das enttäuschte Brasilien spaltet sich zwischen dem rechtsextremen, mysogenen, homophoben und rassistischen Kandidaten Jair Bolsonaro, der Gewalt und, gemeinsam mit seinem Vizekandidaten General Mourão Neoliberalismus pur predigt und einer verletzen und schwer angegriffenen Linken hinter Fernando Haddad, Lulas designiertem Nachfolgekandidaten.
Militärintervention wurde mehrfach angedroht, das Ultra-Neoliberale Projekt, das fast eine komplett Privatisierung des Staates vorsieht, hängt wie ein Damoklesschwert über dem Land.
Auffällig ist die große Zahl an weiblichen Kandidatinnen für Senat und Abgeordnetenkammer, besonders die Präsidentschaftsvizekandidaturen von Manuela Davila des PcdB und der Indigenen Sonia Guajajara / PSOL, zeigen, dass die Frauen in diesem Wahlkampf mitentscheiden wollen. Ihnen stehen jedoch viele konservative Kandidatinnen gegenüber, die den StatusQuo erhalten möchten. Im September bildete sich die überparteiliche Initiative Mulheres Unidas contra Bolsonaro, die Millionen von Frauen am 29.9. auf die Straße brachte, um gegen Faschismus und Mysogenie zu protestieren und die Wahl des Rechtsextremen zu verhindern. Ob es gelingt, wird sich zeigen.
Mit unter 3% Akzeptanz geht Temer selbst als unbeliebtester Präsident aller Zeiten in die Geschichte ein und tritt nicht einmal zu den Wahlen an. Der von der Globo gepuschte Kandidat Geraldo Alckmin (PSDB) wird zur Hillary Brasiliens, dem Kandidaten des Establishments. Alle 50 Schattierungen von Temer, wie Guillerme Boulos sie ironisch genannt hat, stehen vor dem politischen aus: Geraldo Alckmin (PSDB), Henrique Meirelles (MDB), Marina Silva (Rede), Alvaro Dias (Podemos), João Amoêdo (Novo) liegen in den Umfragen zwischen 1 und 8%, gemeinsam erreichen sie nicht einmal 21%. Lula, der aus dem Gefängnis bis zuletzt um seine Kandidatur kämpfte, lag, bis zum endgültigen AUS am 1 September, mit rund 41% klar in den Umfragen in Führung. Erst durch seinen Ausschluss gelang Bolsonaro der kometenhafte Aufstieg von 12% zu den heutigen über 30%. Lulas designierter Kandidat, Fernando Haddad, der erst seit September im Rennen ist und mit 6% den Wahlkampf begann, konnte innerhalb kürzester Zeit in den Umfragewerten mit 24% bis an Bolsonaro herankommen und liegt jetzt bei 21%.
Einzig Ciro Gomes, der sich zuerst als Kandidat Lulas, dann jedoch als erbitterter Gegner des PTs positioniert, kann auch im vorderen Drittel der Umfragen mitspielen. Er sieht für sich große Chancen, die moderaten Stimmen rechts der Mitte zu vereinigen.
Der Wahlausgang ist auch 4 Tage vor der Wahl absolut unvorhersehbar, Bolsonaro, Haddad und Ciro haben alle drei konkrete Chancen, in den 2 Wahlgang zu kommen – und die Schlussduelle versprechen höchste Brutalität. Das Land ist gespalten, die Ablehnung gegen Bolsonaro liegt bei 44% zu 38% gegen Haddad.
Wie es soweit kommen konnte und was für Perspektiven sich für den Giganten Lateinamerikas ergeben, haben wir am 3.10. im Lateinamerika Institut diskutiert.