Salvador pfeifft auf’s UNESCO Welterbe

Salvador pfeifft auf’s UNESCO Welterbe

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Seit fast zwei Monaten regnet es, in Salvador/Bahia. ACM Neto, der sich selbst als der beste Bürgermeister Brasiliens plakatieren lässt, hat bereits an die fünfzig Tote, unzählige Hauseinstürze, abgerutschte Hänge, Strasseneinbrüche und die Überschwemmung ganzer Viertel zu verantworten. Die Stadt erstickt im Schlamm, alles steht still. Die von ihm groß kommunizierten Infrastrukturmaßnahmen sind ausschliesslich für das Salvador der Reichen gedacht, für Tourismus und Luxusburgen. Für eine Stadt ohne BewohnerInnen.

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Dabei ist Salvador Brasiliens erste Hauptstadt, reich an Renaissance- und Jugendstilbauten, ein kolonial-architektonischen Juwel.  Die Unesco hatte das Stadtzentrum daher bereits 1984 zum Weltkulturerbe erklärt, die Regionalregierung von Bahia stellte großzügige Mittel zur Sanierung historischer Bausubstanz zur Verfügung – die neuesten Arbeiten dafür sollten im April 2015 beginnen. Doch die Stadtregierung, und v.a. die ihr verbundenen Immobilien- und Baukonzerne haben mit dem Zentrum andere Pläne.

So wie es scheint, kam ACM Neto der Dauerregen daher ganz gelegen… denn das, was einstürzt – bzw. aus Sicherheitsgründen niedergerissen wird – ist die reinste Spekulantenfreude! Das alte Stadtzentrum von Salvador, Salvador erster Straßenkomplex, die Ladeiras da Conceição, da Montanha und da Preguiça bieten bald wieder neuen Baugrund - mit garantiertem Meerblick!

650x375_ladeira-da-montanha-trafego_1522398Am Samstag, dem 23 Mai rollten die Riesenbagger an und rissen drei (einbruchgefährdete) Häuser in der Ladeira da Conceição nieder. In einer Woche wurden im Zentrum 31 antike Häuser bzw. ausgehöhlte Fassaden abgerissen – und die BewohnerInnen zwangsevakuiert.

Die Vorgeschichte zu dieser de-facto Enteignung hat es in sich:

Schon Salvadors letzter Bürgermeister, João Henrique, verstand sich als Wegbereiter des großen Immobilienkapitals. Verschiedene Gesetze zur Bauordnung, eine Reihe von Enteignungen bzw. Enteignungsversuchen sowie einige Megaprojekte, inkl. obskurer Baubewilligungen gehen auf seine Kappe.

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Darunter auch die “Arena Castro Alves”, ein 5000 Plätze umfassender Open Air Komplex, der genau an der jetzt freigebaggerten Stelle errichtet werden sollte. Das Projekt wurde ob seiner Absurdität und starker BürgerInnenproteste eingestellt… oder doch nicht?

Aktueller ist eines der Lieblingsprojekte von ACM Neto, die Revitalisierung des Zentrums mit 8000 neuen, gehobenen Wohneinheiten,  Shoppingzentrum und Vergnügungsmeile. Gentrifizierung in großem Maßstab! Die Umbenennung des Viertels in Santa Tereza ist zwar gefallen, die Intentionen blieben aber gleich.

Denn zufälligerweise sollte auch in den soeben BewohnerInnen-freigewordenen Straßenzügen einige Komplexe entstehen. Derzeit werden gerade die Gutachten über soziale Verträglichkeit eingeholt. Da trifft es sich doch gut, wenn niemand mehr dort wohnt, wo die Luxusappartments errichtet werden sollen.

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Auch für die Schmiede und Steinmetze der antiken Bögen der Ladeira da Montanha, die seit dem späten 19. Jahrhundert dort angesiedelt sind, brachte der Dauerregen die Zwangsabsiedelung. Schon seit 2012 versuchte das Denkmalamt der Stadt IPHAN, diese Gruppe von Handwerkern von dort zu vertreiben und stattdessen schicke Ateliers in die Bögen zu bauen.

Doch wer es sich mit den Schmieden, der Söhnen Ogums im Candomblê anlegt, spielt im wahrstem Sinne mit dem Feuer. Traditionell dem Eisen- und Kriegsgott Ogum zugeordnet, sind die Schmiede Symbol für gelebte schwarze Kultur – und Widerstand.

Und der Widerstand im Zentrum ist gut organisiert, die verschiedenen Gruppen agieren koordiniert. Nosso Bairro é Dois de Julho ist die Sammelbewegung, die sich regelmässig trifft. Am 31 Mai nahmen die BewohnerInnen der Ladeira da Montanha ihr Viertel wieder selbst in die Hand – und zogen in ihre Häuser zurück.

Jetzt warten alle auf eine dringende Stellungnahme der UNESCO, deren Aufgabe der Schutz des Weltkulturerbes ist, das hier gerade Immobilienspekulation und Korruption auf höchstem Niveau zum Opfer fällt.

 

links:

a ladeira da preguiça:Salvador’s Geschichte:

Weltkulturerbe Salvador: http://whc.unesco.org/en/list/309

Regionalförderung: http://www.sedur.ba.gov.br/estado-apresenta-acoes-para-requalificacao-do-centro-antigo-de-salvador/

Trabalhador da noticia:

http://www.trabalhadordanoticia.com.br/2015/06/picaretas-do-progresso_7.html

Studie zur Gentrifizierung von Salvador’s Zentrum

http://www.scielo.br/scielo.php?pid=S2236-99962014000200437&script=sci_arttext

Interviews mit den Betroffenen Schmieden

 

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