Kasumama, wir kommen! Der Babalorixá am Afrika-Festival

Kasumama, wir kommen! Der Babalorixá am Afrika-Festival

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Mittwoch, 15.7. – Xangó und Yansá regieren diesen Tag, die heiligen Winde begleiten uns auf unserem Weg in den rauen Norden Österreichs.

Gemeinsam mit einem Vertreter der brasilianischen Gottheiten zu reisen, bedeutet auch, Ruhe zu finden. Kein Stress, Babalorixá Anderson hat noch einen großen Gemüse-Fleischeintopf für uns alle gekocht, damit wir uns gestärkt, nach weiteren Orakelsitzungen, auf die Reise ins Waldviertel machen können. Ganz entspannt bin ich zwar nicht, wir sind spät dran, der Weg ins Waldviertel ist oft verworren, ich hab die Autobahnausfahrt versäumt, wir fahren auf einer kleinen Strasse inmitten von Sonnnenblumenfeldern, durch kleine Dörfer. Zeit ist relativ.

Zum Glück beginnt das Andersdenken schon im Waldviertel. Hinter Weitra, Gmünd, ja – in Moorbad Harbach, da liegt Kasumama. Ein kleines, feines Afrika-Festival, dass gerade sein 15 jähriges Jubiläum feiert. Heuer habe ich erstmals die Programmierung der Open Stage, der Dialog- und Begegnungsbühne übernommen, mit der Absicht, einen Diaspora Schwerpunkt zu setzen.

Afrikas Diaspora – Traditionen, Transformationen, Migration. Fünf Tage Film-, Dialog-, Musik- und Unterhaltungsprogramm. Dazu haben wir neue Kooperationen geschmiedet, KollegInnen und WegbegleiterInnen aus gemeinsamen Netzwerken eingeladen, eine gute Gelegenheit, gegenseitig die Arbeit der anderen Kennen zu lernen, gemeinsam über Kultur zu diskutieren, neue Verbindungen herzustellen – Begegnungen zu fördern. Und auch dem Candomblê den gebührenden Platz in der Diskussion zu geben. So war es von Anfang an klar, dass Pai Anderson, wie wir ihn im Terreiro nennen, 4 Tage lang im tiefsten Waldviertel über Ahnenverehrung, Natur, afrikanische Wurzeln und den Einsatz für eine gerechtere Welt reden würde.

Kasumama Open Stage 2015

Filmfestival auf der Open Stage

Die Open Stage ist ein kleines Filmfestival geworden – eine Mischung aus traditionellen und aktuellen Themen, AutorInnenfilme. Wo es um die ständige Auseinandersetzung mit Veränderung geht. Gesellschaft wird in Bewegung verstanden, Kulturen vermischen sich, die Frage der Identität erweist sich als zentral.

Am Mittwoch, im 17.10 leg ich den ersten Film ein – Say it loud, von Bob Low – zur Bedeutung des schwarzen Radios für die Bürgerrechtsbewegung der USA. Ein Film, der von einem feinen, widerständigen Festival kommt- Fountainhead Tanztheater/Black International Cinema Berlin. Ein Berliner Nukleus, die seit Jahrzehnten ein aufklärendes Filmprogramm anbietet: so waren sie mit einigen politisch sehr relevanten Filmen, die sich vor allem mit der Frage der Migrationen im heutigen Europa auseinandersetzen, dabei.IMG_0457

Die Kooperation mit der Cinemathèque Afrique in Paris brachte Perlen des ethnographischen Films ebenso wie die tagesaktuelle, preisgekrönte filmische Auseinandersetzungen mit kulturellem Unverständnis und Exklusion auf die Bühne. Die Geschichten der Fremden zwischen den Kulturen, “L’étrangère”, aus Burkina Faso, erührten sehr; die Filme lösten viele Diskussionen aus, und v.a. die österreichischen, afro-deszendenten Kinder, verschlangen staunend das ethnografische Material: was für neue Kulturaspekte offenbarten sich da!

Vervollständigt haben wir das Programm mit in Österreich produzierten Filmen, Diskussonen mit deIMG_0395n FilmemacherInnen ermöglichen tiefere Einblicke in die Hintergründe. So landeten wir mit 100% Dakar von Sandra Krampelhuber direkt in der vibrierenden Kunstszene der afrikanischen
Metropole, wo die Afrikanische Identitätsbildung zu einem zentralen Element der Kunst wird.

Mit dem Eröffnungsfilm “die starken Frauen von Touba“, von Werner Zips und Manuela Zips-Mayritsch, lassen wir uns auf den Islam in der Subsahara ein. Die Baye Fall, eine kleine Untergruppe der Mouriden, eines sufitischen islamischen Ordens, spiegeln sich noch sehr stark in älteren Traditionen, wo die Frauen das Sagen haben. Babalorixá Anderson lässt sich keinen Moment des Films entgehen – er will alles übersetzt haben. Für ihn, der auch auf der Suche nach seinen Wurzeln nach Kasumama gekommen ist, der mehr von den Traditionen südlich der Sahara entdecken will, ist die Dominanz des Islam unverständlich. Das Feste feiern, gemeinsam kochen, essen, der kollektive Gedanke, der Familienclan, das ist das, was er kennt, das ist sein Ursprung, der Ursprung des Candomblês.

Ein Ort der Begegnungen 

Nach dem Film lernt der Babalorixá den in Wien lebenden Baye Fall Abou kennen, der von den Festen in der Stadt, der Gastfreundschaft, dem Clan, der Verbundenheit spricht. Viele Baye Fall leben in de Diaspora, sie unterstützen sich gegenseitig, arbeiten für ihr Dorfkollektiv. wir erfahren, dass sie aus den Erlösen ihres Handwerks sogar schon ein eigenes Krankenhaus in Touba gebaut haben, die erste Ambulanz ist auch schon gekauft.

Schnell sind die beiden Männer freundschaftlich verbunden, das Interesse an der Kultur des anderen ist groß. Abou ist stolz auf die Verbreitung des Islam, der Babalorixá will davon gar nichts wissen. Das Monopol von monotheistischen Religionen, die Katechisierung, das sieht er als kulturvernichtend an. In den nächsten Tagen folgen impulsive Diskussionen, wir entdecken, dass die Djinns, die gefährlichen Geistwesen des Islam, eigentlich die Eigenschaften der Orixás verkörpern, die Kraft und das Wissen um Natur, Heilung und Kräfte in sich tragen. Die Suche nach den Traditionen erweist sich als Suche nach Würde und Kraft.

Dorfgespräche

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Auf der kleinen Bühne hält Babalorixa Anderson jeden Vormittag einen Vortrag zu Candmblê, zu den Orixás, zu Selbstwert, Kultur, Selbstbestimmung. Er hat schnell seine Fans gefunden, auch viele Kinder sind da, um seinen Geschichten zu lauschen. Besonders spannend ist die Begegnung mit Babatola Aloba, dem Yoruba-Kulturvermittler, dem Sohn einer Ogum-Priesterfamilie. Der Babatola, gemeinsam mit der Kongolesin Banza, arbeitet an Yoruba Kinderliedern, vermittelt die Wurzeln der afrikanischen Kulturen ÖIMG_0363sterreich. In den Diskussionen zwischen den Experten werden Ähnlichkeiten, Veränderungen und v.a. die aktuelle Entwicklung des Candomblês und der afrikanischen Orishá-Kulte besprochen. Besonders den Aspekt der Matriarchisierung des Kultes in Brasilien hebt der Babalorixá hervor, er spricht viel über die Selbstermächtigung der Frauen in der afro-brasilianischen Religion. Die Suche nach den Orixás erweist sich als eine Suche nach den eigenen Kräften – und passenden Alliierten.

 

Buen Vivir, Politik, Entwicklungskooperationen

Die Auseinandersetzung mit der Kultur verlangt eine Auseinandersetzung mit der Gegenwart.IMG_0377 Die Nachmittage an der Open Stage sind politischen Diskussionen und der Besprechung von Best Practice Beispielen gewidmet; der kulturelle Aspekt der entwicklungspolitischen Fragestellungen ist zentral. So sind Mode, Tanz, Musik aber auch Matriarchatsthesen wichtiger Bestandteil der Diskussionen, wir
erfahren von Transformationen und Anpassungen, die Diasporas in ganz Amerika stehen im Mittelpunkt.

Musikbegegnungen - Artists im Dorf

globalista kuratiert – ohne Musikprogramm? Das wäre nicht vorstellbar! Obwohl die Open Stage klein ist, und nicht wirklich als Musikbühne geplant, konnte ich es nicht lassen… und das Publikum dankt.
Mit einem neuen Konzept für das Festival, den “Artists im Dorf” wurde die Bühne an den Abenden Célia Mara übergeben. Zu Gast sind drei afrikanische, in Wien lebende MusikerInnen/SängerInnen und ein DJ. Sanft moderiert, entwickeln sich Begegnungen zwischen unterschiedlichsten musikalischen Ausdrucksformen. TiefgehIMG_0517end, reflexiv treffen sich die Gitarren von Desert-Blues Meister Salah Addin und Célia Mara, ihre Stimmen verbinden sich in der Zeitlosigkeit, der Unendlichkeit. Anders die Session mit DJ Almuth, Topokê und Salah Addin, mit einer spontanen Visualeinlage von Ironica Los Culos, wo Rebellion, urbaner Widerstand, ein Aufschrei gegen diese rassistische, ausgrenzenden, menschenverachtende Gesellschaft dominieren. Mit Marjorie Etukudo schliesst eine herausragende Singer Songwriterin die Musikbegegnungen im Dorf ab.

So viele Eindrücke

Während sich auf der Kasumama Hauptbühne afrikanische Superstars wie die legendären Mahotella Queens mit dem Senegal-Reggae-King Meta & the Cornerstones abwechselten, probten wir auf der Open Stage eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Afrika’s Diaspora in ihrer Vielfalt. Begegnungen, Diskussionen, tiefgehende Gespräche zu Identität und dem Platz in der österreichischen Geselllschaft bestimmten die fünf Festival Tage. Dazu gab es auch viel Spaß (Höhepunkt war da eindeutig das Kinderprogramm mit Fausto, dem Clown), Freundschaften und Kooperationen entstanden.

Ich möchte dem Kasumama Team, und besonders Katrin Pröll, die die Kooperation ermöglicht hat, an dieser Stelle danken, dass wir dieses Experiment gemeinsam durchführen konnten.

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