Die Toten kommen ins Zentrum

Die Toten kommen ins Zentrum

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Gestern wurde der Nachbar meiner Freundin ermordet. Ein fünfzehnjähriger Junge. Mit drei Schüssen in den Rücken, die Täter flüchteten.

Eine alltägliche Geschichte, in Salvador. Wer an der Peripherie lebt, ist fast täglich mit solchen Dramen konfrontiert. Pepe (Name geändert) war einer der schlimmen Boys in meiner Nachbarschaft, stets mit großer Klappe unterwegs, Gewaltverherrlichung und Gangstermythos waren sein Credo. Doch als er mit seiner Familie nach Tancredo Neves, eines der großen, zentrumsfernen Viertel in Salvador, ziehen musste, holte ihn die Realität schnell ein. Von seinem Fenster aus sah er, wie ein Mann auf offener Straße erschossen wurde. Der Täter ging in aller Ruhe fort. Pepe konnte nicht mehr aufhören, von dieser Szene zu träumen.

Das Massaker von Cabula

Mittlerweile sind Morde in der Nachbarschaft zu Pepes Alltag geworden. Er erzählt mir, dass letzte Woche zwei Kinder erschossen wurden. Nicht von Gangstern, sondern von der Polizei. Jede Woche gibt es zwei, drei Tote in seiner Straße. Er erzählt mir auch, dass er letztens, auf einem Sambafest, wirklich Angst bekommen hatte. Da kam eine Gruppe der Drogenbekämpfungs-Sondereinheit herein, sie lehnten sich an die Bartheke, musterten die Anwesenden… und zogen sich ungeniert die Nasen mit Kokain voll. Die Polizisten, die in seinem Viertel unterwegs sind, spielen sich nicht lange mit potentiellen Kriminellen. Da wird gleich losgeschossen. So ist 2015 das Massaker in Cabula zu verstehen, wo fünfzehn Jugendliche durch die Polizei exekutiert wurden. Die meisten von ihnen waren Arbeiter.

Alltag an der Peripherie

Die Peripherie von Salvador bleibt sich selbst überlassen. Die Stadt hat nach 463 Jahren nicht einmal eine Einteilung in Viertel gemacht, es fehlen die Bevölkerungsstatistiken zu den Bezirken – und vor allem, das Grundbuch. An der Peripherie gibt es öfters Ausgangssperren am helllichten Tag, weil unkontrollierte Schiessereien die Bevölkerung gefährden. An den Bushaltestellen werden morgens die ArbeiterInnen von Banditen überfallen, die Leute verschanzen sich abends in ihren Häusern, weil die Angst regiert. Drogenbanden sorgen für „Ordnung“, kleine Diebe oder viertelfremde Dealer werden erschossen oder totgeprügelt.

Doch gestern fand der Mord an dem fünfzehnjährigen Jungen im Nobelviertel Barra statt, in einer ruhigen Seitenstrasse, inmitten der Hochhäuser mit den Millionärsflats und großartigem Blick auf die Bahia de Todos os Santos. Die beiden Kinder meiner Freundin, die gerade auf der Veranda spielten, mussten den Mord mit ansehen. Der Junge stand an der Gegensprechanlage seines Hauses, als er von zwei Männern überfallen wurde. Sie wollten seinen Rucksack, er versuchte, sich ins Haus zu retten und lief los. Die Männer flüchteten, doch vorher schossen sie dreimal auf ihn. Der Fünfzehnjährige verstarb wenig später im Spital. Die Kinder meiner Freundin stehen unter Schock – genauso wie wir, sie, die ganze Nachbarschaft.

Der gewaltsame Tod eines uns Nahestehenden regt zum Nachdenken an, genau wie die Terrorattentate im Zentrum Europas. Tote haben verschiedene Wertigkeiten.

Die Entmenschlichung der Armen

Der ideologische Druck, die ständige mediale Erniedrigung der schwarzen Bevölkerung, die mehrheitlich arm und an der Peripherie, in informellen Siedlungen (mit zehntausenden EinwohnerInnen) angesiedelt ist, schaffen eine Distanz zu ihrem Leiden. Der allgegenwärtige Rassismus, der auch ein geographischer Rassismus ist, macht aus den Schwarzen Banditen und Arbeitslose, Taugenichtse, die die Mittelklasse bedrohen.

Ich wurde einmal im Autobus überfallen – der Überlandbus nach Salvador wurde für zwei Stunden entführt, drei Jugendliche, mit Pistolen in der Hand, hielten uns in Schach. Sie wollten nur die Handies, das Bargeld, vielleicht eine Silberkette oder ein schönes Polohemd. Es war sicher ihr erster Überfall, sie hatten genauso große Angst wie wir alle, in diesem normalen Bus, einem, mit dem die armen Leute fahren. Niemals werde ich die wütende Rede des Anführers vergessen: „Wir, wir haben seit Wochen nichts anderes als Reis gegessen. Es reicht uns, wir wollen nicht mehr so weiter leben!“

Salvador mit seinen drei Millionen BewohnerInnen hat offiziell über eine Million Arbeitslose, da sind jedoch all die Straßenverkäufer, informell Arbeitende und jene, die noch nicht im Arbeitsmarkt integriert waren, nicht mitgezählt. Wahrscheinlich sind es zwei Millionen, die über kein fixes Einkommen verfügen.

Peitsche, Brot und Spiele

Der Bürgermeister von Salvador, ACM Neto, ist der König der Volksfeste, selbst an der Peripherie zahlt er ständig Veranstaltungen mit Pagode und Favela Funk. da fließt das Bier und der Sexismus lebt auf. Sein liebster Abgeordneter ist Igor Canario, der weiße Rapper aus dem Ghetto, der Gewalt predigt und Frauen missachtet, in seiner Band spielen verurteilte Massenvergewaltiger. Gemeinsam lassen sie das Ideal des schwarzen Gangsters hochleben, des Drogendealers, der das Viertel beherrscht.Und Frauen vergewaltigt.

Seit seiner letzten Wiederwahl mit 70% der Stimmen, sitzt ACM Neto fest im Sattel. Seine Politik dient der Segregation, wer im Ghetto lebt, soll auch dort bleiben, die Eliten der Stadt werden bedient. Der öffentliche Dienst funktioniert nicht, die Stadt geht im Regen und im Unrat unter. Polizeigewalt gehört zum Alltag. Aber die sichtbaren Favelamauern werden verschönt.

Neoliberale Katastrophenregierung 

Die Putschistenregierung unter Michel Temer, von ACM Neto unterstützt, baut weiter sämtliche Sozialleistungen ab, die Pensionsvorsorge wurde praktisch abgeschafft, gerade wurden die Arbeitsrechte mit Füssen getreten und die allgemeine Leiharbeit freigegeben. Die Zerstörung der nationalen Bauindustrie (Stichwort Odebrecht) durch die Lavajato, der produzierte Fleischskandal um den Sohn von Lula, all das zerstört Brasiliens Wirtschaft in Windeseile.

Hunger und Armut sind wieder am Vormarsch.

Und die Toten kommen ins Zentrum.

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